Aus meinem News-Archiv: 13./14.2.2010
(”Die Presse”, Print-Ausgabe, 13./14.02.2010)
Aufrüsten in den Bezirken und unter freiem Himmel.
GRAZ/KLAGENFURT.Am 15.Juli fiel die letzte Klappe. Mit „Harry Potter“ in der englischen Originalversion verabschiedete sich das „Royal English Cinema“ in der Grazer Conrad-von-Hötzendorf-Straße aus der Kinolandschaft der steirischen Landeshauptstadt.
Das traditionsreiche Lichtspieltheater war in den vergangenen Jahren von der Constantin-Gruppe als Spezialkino für Filme in Originalsprache geführt worden. Darauf müssen Grazer Cineasten aber auch in Zukunft nicht verzichten. Ab Mitte September wird es als „KIZ Royalkino“ weitergeführt – betrieben vom Hausherrn des ehemaligen Augartenkinos, Nikos Grigoriadis. An dessen bisherigem (bis 31.August) und namengebendem Standort im Augarten wird nämlich ein Büro- und Wohnkomplex entstehen. In den Plänen war da für ein Kino kein Platz mehr, was kurzfristig zu einem Gerichtsstreit samt Räumungsklage und einer hektischen Suche nach einer neuen Adresse für das als Programmkino geführte KIZ gesorgt hatte.
Die Constantin-Gruppe setzt indes auf IMAX-Technologie: Wie in Wien wurde Ende Juni ein Saal im Cineplexx Graz mit dieser Projektionstechnologie aufgerüstet.
Ganz neu und exklusiv ist das mehrdimensionale Kinospektakel in der Steiermark jedoch nicht. So steht im „Ökopark“ am Stadtrand der oststeirischen Bezirkshauptstadt Hartberg seit bald einem Jahr ein eigener kleiner (100 Sitzplätze) 3-D-Saal – gleich neben dem alten IMAX-Kino aus Wien. Vor fünf Jahren übernahmen die Oststeirer die Anlage, die in Wien gefloppt hatte. Da man kein Franchisenehmer des offiziellen IMAX-Vertriebs ist, nennt man sich allerdings „Maxoom“. Der optische Effekt (2-D mit gebogener Leinwand) ist derselbe, noch dazu wirbt man in Hartberg mit der mit 400 Quadratmetern einzigen Großformatleinwand Österreichs. „Das, was Wien und Graz mit ihren knapp 150 Quadratmetern bieten, ist ein bisserl eine Augenauswischerei“, kann man sich in der Oststeiermark einen hämischen Kommentar nicht verkneifen.
Im engeren Einzugsgebiet des „Maxoom“, gleich hinter der steirisch-burgenländischen Grenze, hat Ende vergangenen Jahres in einem Einkaufszentrum in Oberwart die unter anderem bereits in Leibnitz und Gleisdorf vertretene Dieselkino-Kette einen neuen Standort eröffnet. Der größte Kinotempel des Burgenlands bietet in fünf Sälen 800 Besuchern Platz.
Auch in Liezen in der Obersteiermark ist seit Anfang November ein Großkino am Stadtrand geöffnet. Anders als üblich hungerte ein externer Großinvestor aber nicht den lokalen Kleinbetrieb aus: Die 6,6 Millionen-Euro-Investition (fünf Säle, 710 Sitzplätze) wird von der eingesessenen Liezener Kinobetreiberfamilie Dirninger gemeinsam mit der oberösterreichischen Star-Movie-Gruppe betrieben.
In Klagenfurt hat dieser Tage dagegen der Freiluft-Kinosommer begonnen. Bis 19.August werden im Burghof im Zentrum von Klagenfurt außer aktuellen Streifen unter anderem auch Stummfilme mit Liveorchester gezeigt. Vergangenes Jahr hatte man mehr als 5000 Besucher.
(”Die Presse”, Print-Ausgabe, 28.07.2009)
Lars Bastholm (Ogilvy, USA) kommt zum Digital-Marketing-Kongress “Summit 09″ nach Wien. Seine Prognose: “Alles wird über mobile Geräte laufen.”
Die Presse: Sie waren heuer Präsident der Jury der Cyber Lions in Cannes. Was hat auf Sie den größten Eindruck gemacht?
Lars Bastholm: Am meisten hat mich beeindruckt, wie die Kategorie Cyber in immer neue Bereiche expandiert. Am Ende musste die Cyber-Jury alle Aspekte des Marketing – von Außenwerbung bis Film, von Public Relations bis Direktmarketing – diskutieren.
Welche Kampagnen hat die Jury mit einem Cyber-Löwen ausgezeichnet und warum?
Bastholm: Wir haben drei Grand Prix überreicht – das zeigt auch, wie mannigfaltig diese Kategorie ist. Ein Preis ging an „The Best Job in the World“, eine brillante, vornehmlich User-generierte Kampagne für die Tourismusbehörde Queensland. Ein anderer an Fiat „Eco: Drive“, ein Tool, mit dem Autofahrer ihr Fahrgeschick steigern können – zum Wohle der Umwelt. Und einer ging an „Why So Serious“, ein interaktives Reality-Game zum Batman-Film „The Dark Knight“. Alle drei Preisträger repräsentieren sehr unterschiedliche Aspekte der Cyber-Kategorie und zeigen, wie sich die Agenturen in die verschiedensten Richtungen entfalten, weg von traditionellen Werbeformen.
Hat die Wirtschaftskrise Auswirkungen auf die Qualität der Arbeiten?
Bastholm: Kreativität hat noch nie etwas mit Geld zu tun gehabt. Wenn eine Idee stark ist, kann sie auf verschiedenen monetären Levels ausgeführt werden. Oft wird eine Menge Geld in eine halb ausgebackene Idee verschleudert, in der Hoffnung, dass eine schöne Ausführung die Schwächen übertüncht. Das gibt es nicht mehr. Und es hat sich immer wieder gezeigt, dass Kreativität zu besseren Verkaufszahlen führt.
Da die Werbebudgets sinken, wird der Verdrängungswettbewerb zwischen den Mediengattungen größer. Wer wird gewinnen?
Bastholm: Letztendlich wird alles über mobile Geräte laufen. Das iPhone ist nur der Anfang dieser Revolution. Derzeit sind die Möglichkeiten, was man auf mobilem Wege machen kann, noch beschränkt. Aber in fünf bis zehn Jahren wird sich das geändert haben. Dann werden wir es sonderbar finden, dass wir einst an einen Schreibtisch gefesselt waren und ein Gerät an die Wand anstecken mussten, um ins Internet zu gehen. Das Geld folgt den Leuten und dem, wie sie mit den Medien umgehen. Nach dieser Logik werden mobile Anwendungen möglicherweise eine Goldmine sein. Aber es ist noch nicht so weit.
Werbung auf sozialen Plattformen ist eine heikle Sache. Gibt’s gute Beispiele?
Bastholm: Ich denke, ich habe nur ein einziges Mal ein wirklich gutes Beispiel gesehen – und das war Whopper Sacrifice, das wir mit einem Gold-Löwen ausgezeichnet haben. Diese Kampagne basiert auf einem umfassenden Verständnis dafür, wie die Leute Facebook verwenden, und konnte nur in diesem Medium existieren. Die meisten anderen Werbungen auf sozialen Plattformen machen es völlig falsch. Sie sind aufdringlich, lästig und ärgerlich und außerdem im Kontext völlig irrelevant. Vielleicht nächstes Jahr!
Die Vorhersagen für den Werbemarkt sind eher deprimierend. Wo und wie werden wir in – sagen wir: – zehn Jahren werben?
Bastholm: Wenn ich zehn Jahre in die Zukunft schauen könnte, wäre ich reich und berühmt. Leider kann ich das nicht. Aber ich bin ganz sicher, dass alles ganz anders sein wird als heute. Die Werbung wird viel zielgruppenorientierter sein, viel persönlicher und viel weniger ein Massenkommunikationsmittel sein. Das Fernsehen stirbt. Die Printmedien sind im Grunde tot. Die Onlinewerbung ist zum Großteil kreativ bankrott. Das sind spannende Zeiten, in denen alles im Fluss ist, und keiner kann derzeit mehr sagen, als dass wir uns verändern müssen.
Found at http://mitworld.mit.edu/video/636
In his unassuming way, Craig Newmark believes his eponymous website might just help nudge people toward greater civic engagement. While Craigslist.org “is a simple platform where people help each other out,” focusing on everyday needs like getting a job or an apartment, it is also a profoundly collaborative venture, with political potential.
Newmark outlines the Craigslist success story, which began as a hobby for him in the early 1990s. Newmark quickly detected the Internet’s social networking possibilities, and built an email list for friends “to get the word out on cool events, arts and technology.” He developed an instant fan base, with people suggesting new items to add to the list like “stuff to sell,” and he soon felt encouraged to expand. His name for the site was “SF Events,” but friends nixed that title, infinitely preferring their own version: “Craig’s List.” Says Newmark, “I had a brand already, and it was personal and quirky. I didn’t know what a brand was at that point, but I learned and they were right.”
By the end of 1997, the site was receiving one million page views per month, but was still being run on a volunteer basis. Newmark was doing software and customer service, and recognized he could not also provide strong leadership. As a self-professed nerd who “lived the Dilbert life,” Newmark grasped that his hobby had grown too big to manage on his own, so in 2000, after having formally incorporated, he hired a CEO, and threw himself into customer service, corporate governance, and staying on top of technological innovations that could enhance the website. Craigslist is now approaching 13 billion page views per month.
Through this explosive growth, Newmark has remained true to his business values: “We can do well as a company financially by doing good stuff for people.” He has no plans to sell Craigslist. “There’s nothing altruistic, noble or pious about it. We figure once we make enough money to live comfortably and provide for the future…it’s more satisfying to change things.” He’s been involved for years “with a guy named Barack” and views himself as a “community meta organizer,” using the internet to allow face to face communication on a scale of tens of millions. Some prominent interests: using social networking to spark volunteer national service; making government more transparent; shining a light on campaign financing, and helping out returning Iraq and Afghanistan vets and their families.
Händler GameStop profitiert von Second-Hand-Strategie
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New York/Berlin (pte/21.01.2009/13:45) – Der Markt für gebrauchte Videospiele boomt. Während die Gamesbranche insgesamt zulegt, kommt auch das Second-Hand-Geschäft immer mehr in Fahrt. Dem Videospielhändler GameStop http://www.gamestop.com hat der Verkauf von gebrauchten Spielen beispielsweise einen deutlichen Gewinnzuwachs eingebracht. Wie das Wall Street Journal berichtet, ist die Strategie, gezielt Second-Hand-Games zu vermarkten, für das Unternehmen voll aufgegangen. GameStop meldete ein Wachstum von 22 Prozent für die abgelaufene Weihnachtssaison. Das ist nicht zuletzt auf die Gebrauchtware zurückzuführen. Denn vergleicht man die Verkaufszahlen von GameStop mit anderen Händlern in den USA, zeigt sich ein deutlicher Unterschied. Best Buy, der größte US-Elektronikhändler, verbuchte im Unterhaltungssegment – darunter auch Videospiele – insgesamt ein Minus von zwölf Prozent.
GameStop habe aber auch bei den Verkäufen von Neuware zugelegt, so Unternehmenschef Daniel DeMatteo. Konkrete Zahlen für das letzte Quartal im abgelaufenen Geschäftsjahr soll es Ende März geben. Für das mit Januar zuende gehende Fiskaljahr rechnet der Händler mit einem Umsatz von rund zwei Mrd. Dollar in diesem Bereich. “In Deutschland gibt es schon sehr lange einen Gebrauchtspielemarkt. Bei GameStop muss aber beachtet werden, dass das Unternehmen nicht nur die Inzahlungnahme gebrauchter Spiele vorsieht, sondern auch den Verkauf neuer Produkte”, erklärt Olaf Wolters, Geschäftsführer des Bundesverbands Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) http://www.biu-online.de , gegenüber pressetext. Konkret sehe es so aus, dass drei Spiele für ein neues in Zahlung genommen würden. “Die gebrauchten Spiele kann man dann mit einem kleinen Preisabschlag erwerben”, so Wolters weiter.
Analysten bewerten das GameStop-Geschäftsmodell positiv, weil es sich klar von anderen Händlern abgrenzt. Gerade in wirtschaftlich schlechten Zeiten sei es von Vorteil, wenn ein Nutzer ein altes Spiel auch wieder loswerden und dafür etwas anderes bekommen könne, meint Joseph Feldmann, Analyst bei der Telsey Advisory Group. Für das Unternehmen selbst wiederum ist die Strategie hoch profitabel. Im vergangenen Quartal machten die Second-Hand-Verkäufe 48 Prozent des Bruttogewinns aus. Gleichzeitig wiesen einige Analysten aber auch darauf hin, dass das Geschäft mit der Gebrauchtware zulasten der Entwickler ausfallen könnte, weil die Kaufbereitschaft für neue Spiele eventuell gemindert würde.
Beim BIU sieht man diese Gefahr allerdings nicht. “Im Rahmen der Vermarktung setzen die Anbieter den Preis von Spielen nach überschaubarer Zeit herab und stellen den Käufer somit vor die Wahl, ob er ein gebrauchtes oder ein neues Game zum selben Preis erwerben möchte”, sagt Wolters im pressetext-Interview. Außerdem könnten sich nur so viele Spiele auf dem Gebrauchtmarkt befinden, wie vorher neu gekauft wurden. “Wir wissen auch, dass Gamer ungeduldig sind und nicht warten wollen, bis ein nachgefragtes Produkt auf dem Gebrauchtmarkt verfügbar ist”, meint der Branchenkenner. Ein Konfliktpotenzial zwischen den Bereichen Neuware und Second-Hand sehe er nicht.
Kurzweil beim Lesen folgender Artikel, wünscht Ihnen Ihr,
Dr. Harald Pressl
Zum Beispiel ein Artikel aus dem brand eins Magazin!:
“Zurück auf Start”
Text: Ingo Malcher
Foto: Lukas Schaller
- An jenem Morgen, als der Deutsche Aktienindex (Dax) verrückt spielt und eine Stammaktie von Volkswagen zwischenzeitlich 1000 Euro wert ist, betritt Leopold Seiler das Wiener Café “Mozart”. Er schaut kurz auf den Zeitungsständer, überfliegt die Titelzeilen, die kein anderes Thema haben als die heraufziehende Wirtschaftskrise. Dann hängt er sein Jackett über einen Stuhl, bestellt eine Melange und ein Ei im Glas und greift zu einer Schrift über Moralphilosophie als Frühstücks-Lektüre. Demonstrativ stellt er schon am frühen Morgen eine Gelassenheit zur Schau, die gegenwärtig kaum noch jemand aus seiner Branche aufbringt.Etwa 15 Gehminuten vom Caféhaus entfernt hat Seiler das Büro seiner Vermögensverwaltung in einem Altbau untergebracht. Zusammen mit der PEH-Gruppe verwaltet er das Vermögen privater Anleger. Seine Kunden sind wohlhabende Industrielle, Pensionsfonds, Stiftungen. Die Mindesteinlage beträgt 350 000 Euro. Im Jahr 2008 ist das Durchschnittsportfolio seiner Kunden bislang noch mit 1,8 Prozent im Plus. In derselben Zeit hat sich der MSCI-Weltaktienindex beinahe halbiert. Fonds renommierter Geldhäuser sind trotz ausgeklügelter mathematischer Modelle in sich zusammengefallen, während Leopold Seiler Verluste weitgehend vermied.
Glück? “Es ist das Glück des Tüchtigen”, sagt der Zwei-Meter-Mann, drückt kurz den Rücken durch und wirbelt wie beim Schwimmen mit den Armen. “Man kann auch gewollt passiv sein.” Das bedeutet: nicht mitspielen, wenn alle die Einsätze erhöhen, und schon in guten Zeiten die Vernunft walten lassen. Es geht darum, zu verstehen, dass jede Schraubenfabrik abhängig von den Finanzmärkten und die Sphäre der Banken nicht vom Rest der Welt abgekoppelt ist. Dass die Bezeichnung “Realwirtschaft” in die Irre führt – oder sind Banken vielleicht irreal? Irreal sind höchstens die Ideen, die manche ihrer Mitarbeiter hatten. “Der pädagogische Reiz der Krise ist, dass man wieder realistisch denken und die Zusammenhänge des Systems sehen muss”, sagt Seiler. Genau darum bemüht er sich als Vermögensberater für Millionäre und als Verwalter eines Fonds für Mikrokredite für die Armen.
Noch bis vor gut einem Jahr schien es so, als hätten sich die Kapitalmärkte auf hohem Niveau stabilisiert. Die Internet-Blase war längst vergessen, und das einfache physikalische Gesetz, dass alles, was steigt, auch wieder fällt, schien außer Kraft. Anlageberater versprachen ihren Kunden weiter in den Himmel wachsende Gewinne. In manchen Unternehmen setzte der Verstand komplett aus. Die Deutsche Bank erklärte eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent zum Ziel – und erreichte sie auch. Konzernchefs, die in einem Jahr die Aktie ihres Unternehmens um zwölf Prozent in die Höhe trieben und im nächsten nur sieben Prozent erreichten, wurden auf den Hauptversammlungen von enttäuschten Aktionären mit Vorwürfen wegen der schlechten Performance überhäuft. “Wir erlebten eine Zeit, in der die Logik schlicht ausgeblendet wurde. Wachstum schien keine Grenzen mehr zu haben”, sagt ein Investmentbanker rückblickend.
Der Schlüssel zur Vernunft: einfache Prozentrechnung statt komplexer Formeln
Nur wenige erkannten das Wetterleuchten am Horizont: zu viel Geld, das Anlagen suchte, Fantasiepreise bei Übernahmen, Kredite ohne Sicherheiten – und realitätsferne Renditeziele. Dabei wäre es so einfach gewesen: “Wenn die Weltwirtschaft im Jahr 2006 um 3,2 Prozent wächst, kann ich keine 12 Prozent Gewinn erwirtschaften. Wo soll der denn herkommen?”, fragt Seiler und zieht die breiten Schultern hoch. Dann bemüht er ein Bild: “Aus einem Teich, in dem 20 Forellen schwimmen, ist es vermessen, 21 herausfischen zu wollen.”
Was so einleuchtend und selbstverständlich klingt, hat man seit Jahren von Bankmanagern selten gehört. Neuerdings aber zählen solche Sätze zum Standardrepertoire all derjenigen, die es jetzt nicht gewesen sein wollen. Einer der wenigen, die schon seit Jahren mahnen, ist Heiner Flassbeck, einst Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, heute Chefökonom der Welthandels-und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen (UNCTAD).
Sein Dauerargument, dass die Aktienmärkte nicht ewig stärker wachsen könnten als das Bruttoinlandsprodukt, verhallte in der Gier-ist-geil-Epoche.
Aber bei einigen kamen solche Warnungen an. Seiler verbannte schon vor etwa zwei Jahren alle Aktien aus den Portfolios seiner Kunden. Auch der Vermögensberater Jörg Schallehn, 54, reinigte die Depots seiner Kunden bereits vergangenes Jahr von Bankaktien und Zertifikaten. Anfang dieses Jahres senkte er die Aktienquote auf null. “Die Kurse waren zu hoch. Da musste man sich schützen”, sagt der Geschäftsführer von Schallehn Family Office. “Manchmal sind die Privatbanken eben blind. Ihre Mitarbeiter dürfen oft keine eigene Meinung haben.”
Für Seiler hat die gegenwärtige Krise der Banken denn auch wenig mit Pech zu tun: “Sie trifft viele, die sie treffen muss.” Er dagegen hat ganz altmodisch Kundengelder in Staatsanleihen gesteckt. Um noch etwas mehr zu verdienen, investierte er in Rohstoffzertifikate und Hedgefonds. “Aber nur in solche, die keine Leerverkäufe machen und nicht versuchen, mit Unsummen von Schulden die Performance zu hebeln.” Damit verzichtete er bewusst auf hohe Ausschläge nach oben. Denn Seiler denkt bei der Geldanlage zuerst an Risiko, dann an Rendite. “Ich habe einfach sehr viel Angst, und die lebe ich aus.”
Die Angst rührt womöglich daher, dass er statt komplexer Algorithmen die einfache Prozentrechnung anwendet. Seiler sagt: “Wer von zehn Euro zehn Prozent verliert, ist bei neun Euro. Um wieder auf zehn Euro zu kommen, braucht er jetzt eine Rendite von elf Prozent.” Schlimmer noch ist es, wenn sich ein Depot halbiert, wie es jetzt mit vielen geschehen ist. Dann muss der Investor eine Rendite von hundert Prozent erwirtschaften, um wieder am Ausgangspunkt anzukommen: ein fast aussichtsloses Unterfangen. “Denn das Gemeine dabei ist, dass die Prozentrechnung jeden Morgen in der Frühe von Neuem beginnt. Minus 99 Prozent sind also jeden Tag drin”, sagt Seiler. Deshalb lautet sein Credo: Keine Experimente – dann braucht es auch weniger Glück.
Eine glückliche Hand hingegen braucht der Kunde. Das zumindest glaubt der Mitarbeiter eines international tätigen Geldinstituts, das eine Heerschar von Private-Banking-Kunden betreut. “Es gibt viele kleine Vermögensverwalter, und viele verstehen sicherlich etwas von ihrem Geschäft. Aber das heißt nicht, dass man mit ihnen automatisch besser fährt. Wir haben eine eigene Research-Abteilung mit Analysten, die die Märkte weltweit im Auge haben. Das kann eine Klitsche überhaupt nicht leisten”, sagt er.
Derlei Einwände prallen an Seiler ab. “Was sollen die mehr wissen? Wirklich Bescheid weiß nur der Chef eines Unternehmens, und der darf nichts sagen. Deshalb darf der Analyst nichts wissen. Und wer weiß, was eine Bank für Positionen hält und ob der Berater nicht eine Aktie hochjazzen muss?” Seiler greift in seine Ledermappe und zieht ein pinkfarbenes Portemonnaie heraus, das aus alten Tetra Paks hergestellt wurde. Er bezahlt sein Frühstück, zieht das Jackett an und geht zu seinem Büro.
Im Jahr 1989 war Leopold Seiler gerade 18 Jahre alt, und alle nannten ihn den Poldi. Neben der Schule jobbte er in seiner Freizeit bei einer Tochter der Raiffeisen-Versicherung, und als einige der Manager der Abteilung Vermögensverwaltung ihre eigene Firma namens Vienna Portfolio Management (VPM) gründeten, nahmen sie Seiler mit. Mit 19 betreute er wohlhabende Kunden und wollte ihnen etwas mehr bieten. Da rief er bei einigen Fonds-Gesellschaften in London an und sagte seinen Spruch auf: “Wir sind eine super Vermögensverwaltung in Wien und würden gern Ihr Repräsentant werden.”
Nur bei einer Bank hat man den Telefonhörer nicht sofort aufgelegt, sondern den Poldi nach London eingeladen. Adresse: 155 Bishopsgate. Es war die traditionsreiche Barings Bank. In ihren besten Anzügen flogen Seiler und seine Kollegen nach London und kamen tatsächlich mit einem Exklusiv-Vertrag zurück. VPM war fortan für den Fondsvertrieb die Barings-Repräsentanz für Deutschland und Österreich.
Millionärsberatung ist sein Beruf – Mikrokredite sind seine Berufung
Als im Jahr 1995 die Barings Bank wegen Fehlspekulationen ihres Mitarbeiters Nick Leeson Pleite machte, hatten weder VPM noch deren Kunden Verluste zu beklagen – denn im Portfolio der Fonds befanden sich keine Barings-Papiere. Danach gelang es der Truppe, Fonds unterschiedlicher Anbieter zu vertreiben, und sie fingen an, unabhängig zu beraten. Im Jahr 2006 schloss sich VPM mit der Frankfurter PEH zusammen, um gemeinsam stärker zu werden. In der neuen Firma arbeiten 80 Mitarbeiter in Büros in Deutschland und Österreich. Leopold Seiler hält Anteile an der neuen Firma.
Seiler legt Haydns Symphonie Nr. 94 (”mit dem Paukenschlag”) in den CD-Spieler und zündet die Kerze unter der Duftlampe an. Im Computer klickt er auf das Depot eines Kunden, in dem erstaunlich wenige unterschiedliche Wertpapiere liegen. “Das spart Gebühren”, sagt er. Dann schaut er auf die Kurse. Der Dax ist gestiegen, die Volkswagenaktie allein rettet ihn ins Plus. “Ungeheuerlich”, sagt Seiler. “Die ist gnadenlos überbewertet.”
Dann klickt er in ein ganz anderes Portfolio. “Vision Microfinance” steht darüber. Seiler ist auch Verwaltungsrat eines Fonds, der Banken finanziert, die in Asien, Lateinamerika und Osteuropa Kleinkredite vergeben. 75 Millionen Euro haben er und sein Team dafür bereits eingesammelt – der Etat der österreichischen Entwicklungshilfe liegt bei 100 Millionen – und den Investoren eine Rendite von fünf Prozent beschert. Millionärsberatung ist sein Beruf, Mikrofinanz seine Berufung, sagt Seiler. Mit den Mikrokrediten greift er direkt in den Produktionsprozess ein. Da sind keine verflixten Derivate im Spiel. Die Bank finanziert Firmengründer, die eine Nähmaschine oder einen Kühlschrank kaufen wollen, um etwas herzustellen oder zu handeln – ganz konkrete Bankgeschäfte zu ganz konkreten Zwecken. Auf den Philippinen finanziert Vision Microfinance jene Bank, die den Frauen Kredite gibt, die aus Tetra Paks Portemonnaies herstellen. Für ein Darlehen an die Bank nimmt der Fonds acht Prozent Zinsen. Die Bank wiederum vergibt den Kredit auf den Philippinen für 21 Prozent. Zuvor waren die Frauen auf Geldverleiher angewiesen, die ihnen an die 20 Prozent Zinsen abnahmen – pro Tag.
“Die Mikrofinanzbank setzt an dem an, was möglich ist. Wie viel kann jemand zurückzahlen? Was braucht er? Wofür gibt es einen Markt? Wenn es eine Nachfrage gibt für ein Produkt, das jemand herstellen will, helfen wir es zu finanzieren”, sagt Seiler. Und damit mit der Mikrofinanz nicht dasselbe passiert wie in der Finanzbranche in Europa und in den USA, bekommen die Mikrokreditberater zwar auch Prämien – sie sind jedoch an die Rückzahlquote gekoppelt, nicht an den Umsatz.
An 61 Banken in 19 Ländern vergibt der Fonds bereits Kredite. Angefangen hat alles auf einer Tagung in Singapur, als er Muhammad Yunus begegnete, dem Gründer der Grameen Bank. Yunus, damals noch kein Friedensnobelpreisträger, war zurückhaltend und hat Seiler so sehr beeindruckt, dass er seinen Kunden Mikrofinanzfonds anbieten wollte. Zurück in Wien, suchte er nach passenden Produkten. Zwar fand er 53 Fonds, doch fast alle investierten in die Mikrobanken und nicht in die Kreditvergabe. Das gefiel ihm nicht: “Alle haben in Bibliotheken investiert, kaum einer in Bücher.” Seiler will nicht in Institutionen anlegen, sondern in Menschen. Also setzte er mit einem Partner seinen eigenen Fonds auf. Seine Losung ist: “Arme Menschen brauchen kein Mitleid, sondern Zugang zu Kapital.”
Doch nicht alle teilen diese Meinung. Der Entwicklungstheoretiker Walden Bello von den Philippinen erkennt an, dass die Grameen Bank von Yunus das Leben vieler Menschen verbessert hat. “Aber es sind nicht die ganz Armen, die in den Genuss dieser Kredite kommen”, schreibt er. “Mikrokredite sind eine Überlebensstrategie, aber sie sind kein Weg für Entwicklung. Dies würde kapitalintensive Anstrengungen seitens des Staates bedürfen, um Industrien aufzubauen und die Strukturen der Ungleichheit zu zerschlagen.”
Leopold Seiler gesteht dies ein: “Mikrokredite sind kein Allheilmittel, das immer und überall funktioniert.” Dann macht er wieder eine Pause, holt Luft und sagt: “Aber sie sind wesentlich konkreter als vieles, was wir heute auf den internationalen Finanzmärkten sehen. Überhaupt: Wenn man die Welt als Ganzes betrachtet, ist die Finanzkrise eine Illusion. Die Mehrheit der Welt hat nämlich ganz andere Sorgen: 1,4 Milliarden Menschen leben mit weniger als einem Euro am Tag”, so Seiler. “Und eines kann ich ganz sicher sagen: Denen ist es egal, ob der Dax heute steigen oder fallen wird.”
Bis Weihnachten will er von reichen Investoren weitere 25 Millionen Euro einsammeln. Mit einer Renditeaussicht von fünf Prozent.-