Archive for December, 2009

14
Dec

Gesellschaft: Unerzogene Kinder, unfähige Eltern

Aus meinem NEWS Archiv: 16. Juli 2009

In Europa grassiert eine neue Variante der Kinderfeindlichkeit – diesmal gepaart mit einem Frontalangriff auf die Eltern.

Sein Buch hat in Deutschland und Österreich gleichermaßen für Furore gesorgt. Kein Wunder – sprach doch der Titel „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ vielen Zeitgenossen aus der Seele. Interessanter aber sind die Beweggründe, die den deutschen Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff veranlassten, seinen Bestseller zu schreiben: Es sei ein Buch für alle, die verhindern wollten, dass „unsere Gesellschaft ihre Kinder eines Tages hassen wird“.

Winterhoff macht sich damit zum Repräsentanten eines Phänomens, das in der westeuropäischen Gesellschaft immer deutlicher zutage tritt: eine neue Spielart der Kinderfeindlichkeit, diesmal gepaart mit einem Frontalangriff auf die Eltern.

Dabei handelt es sich nicht „nur“ um die ältere Dame, die sich über das Kindergeschrei in der Straßenbahn aufregt, oder um das Restaurant, das kleine Gäste nicht über seine Schwelle lässt. Winterhoff greift etwas auf, das tiefer geht: die wachsende Abneigung gegen eine Kinder- und Jugendlichengeneration, die von vielen als aufmüpfig, fordernd und respektlos empfunden wird. Auffallend ist, wie aggressiv dabei das Ressentiment gegen die Eltern ausfällt: als Verursacher, deren mangelnde Erziehungskompetenz und falsch verstandene Elternliebe allerorten kleine „Monster“ hervorbringt.

Winterhoffs Pauschalverurteilung einer ganzen Kinder- und Elterngeneration illustriert die Spannungen und Belastungen, unter denen die Familie heute existieren und funktionieren muss. Nicht nur sollen Kinder und Beruf von den Eltern (als Menschen mit einem Rest an Recht auf ein eigenes Leben) unter einen Hut gebracht werden. Viele Mütter und Väter beklagen mittlerweile auch, dass sie ständig das Gefühl haben, sich rechtfertigen zu müssen und der Umwelt zu erklären, warum sie das, was sie tun, nicht erfolgreicher hinkriegen. „Alle wissen immer alles besser als die Eltern“, lautet die Klage vieler Erziehungsberechtigter.

Am besten gar keine Kinder?

In den Augen einiger Experten beschleunigt das das Ticken der demografischen Zeitbombe. Denn durch die ständige Kritik an Kindern und ihren Eltern gewinnt die Sicht immer mehr an Akzeptanz, dass Nachwuchs zu haben den Aufwand weder finanziell noch zeitlich lohnt und von der Gesellschaft ohnedies nicht honoriert wird. Auf den extremen Punkt gebracht hat dies die französische Autorin Corinne Maier mit ihrem Buch „No Kid – 40 Gründe, keine Kinder zu haben“. Maier – mit der Absolution, selbst Mutter zweier Kinder zu sein – kommt darin zu dem Schluss, dass Kinder per definitionem „kleine Monster“ seien. Und man sie daher am besten gar nicht bekommt. Die Konsequenzen dieser zunehmenden Kinderskepsis sind aus jeder – sinkenden – Geburtenstatistik ersichtlich.

Die Frage ist, warum es heute so akzeptabel – und so einfach – ist, Kinder und Eltern in Bausch und Bogen als „Monster“, „Tyrannen“ beziehungsweise „Versager“ abzuurteilen. Obwohl Erziehungsexperten wie der Däne Jesper Juul diese Entwicklung ebenfalls mit Sorge registrieren, können auch sie nicht mit fertigen Erklärungen aufwarten.

Juul, der sich anlässlich des Symposions „Kindheit und Gesellschaft“ (veranstaltet u.a. von „Welt der Kinder“ und „SOS Kinderdorf“), in Bregenz aufhielt, bemerkt diesen Trend aber sogar in den berühmt kinderfreundlichen skandinavischen Ländern. Seiner Meinung nach krankt das Verhältnis zwischen Kindern, Eltern und der Gesellschaft an sowohl positiv als auch negativ verzerrten Vorstellungen, denen nur eines gemeinsam ist: Sie sind beide unrealistisch. Auf der einen Seite würde ein romantisches Familienbild verkauft, das dann manchmal im Chaos ende: „Weil Kinder eben nicht dauernd wunderbar sind, werden sie in einer solchen Konstellation dann im Zweifelsfall auf eine süße Art vernachlässigt.“

Futter für negative Schlagzeilen

Dem gegenüber stehe ein – auch stark von den Medien forcierter – negativer Ansatz. „Kinder werden zunehmend nur noch als Problem erlebt und dargestellt“, meint Juul. „Über Wochen und Monate liest man, wie fürchterlich Kinder und Jugendliche sind. Wie sie das Leben bereichern, darüber wird nicht oft geschrieben.“

Diese Kritik am „täglichen Gruselelement Kind“ unterschreibt auch Elisabeth Schaffelhofer vom Netzwerk Kinderrechte. Sie sieht aber noch ein anderes Problem: die hohen Ansprüche, die Eltern an sich selbst stellen; dass sie ihren Kindern – nicht nur materiell – so viel wie möglich bieten wollen. 80 bis 90 Prozent deutscher und österreichischer Eltern erziehen „partnerschaftlich“, dass heißt mit viel Erklärung, Verhandlung und Überredung.

Der Erfolg von Winterhoff und anderen suggeriert der derzeitigen Elterngeneration allerdings, dass auch sie – wie schon die autoritäre und anti-autoritäre Generation vor ihr – alles falsch macht. Doch in allen schlauen Büchern fehlt leider eines: eine Lösung.

(”Die Presse”, Print-Ausgabe, 27.10.2008)
Online-Artikel und mehr Informationen auf diepresse.com

09
Dec

Der Lauf Der Dinge (Film, 1987)

Aus meinem NEWS Archiv: 16. July 2009

Mehr Informationen zum Film finden Sie hier!

07
Dec

Web 2.0 und das Business der Zukunft: Wiki, Facebook und Youtube für mehr Unternehmenserfolg

Aus meinem NEWS Archiv:  16. July 2009

Rund 300 web-affine Teilnehmer, darunter CEO, CIO sowie IT-Verantwortliche und Entscheidungsträger aus ganz Europa, fanden sich Anfang September zum Zukunftskongress »talk the future«, einer Initiative der IMC Fachhochschule Krems und des Linzer Software-Konzerns Fabasoft, ein.

E-MAIL IST VON GESTERN
Don Tapscott, Bestsellerautor von »Wikinomics« und »Growing Up Digital«, überzeugte das Publikum eindrucksvoll, dass die »New Generation« der unter 30-Jährigen und deren Bedürfnisse und Know-how der Schlüssel für erfolgreiches Business sind. Der Gründer und Vorsitzende des Innovations-Unternehmens Genera, dessen Name sich aus dem Begriff »New Generation« ableitet, erforscht, wie Unternehmen Web-2.0-Anwendungen, wie Wikipedia, Facebook, Youtube oder Second Life, für sich nutzbar machen können. Das »New Web« ist heute – E-Mail und »dotcom« sind von gestern, so Tapscott, der regelmäßig mit 12-jährigen Kids Businessmodelle entwickelt, denn »die Net Generation ist dabei, die Welt zu verändern.« Im November erscheint sein neues Buch »Grown Up Digital«.

UNTERNEHMEN DER ZUKUNFT: ENTERPRISE 2.0
Andrew McAfee, Harvard Professor und »Godfather of Enterprise 2.0«, zeigte in seiner fesselnden Präsentation, wie »Social Network Plattformen« in der Unternehmenspraxis funktionieren können. Enterprise-2.0-Technologien eröffnen den Unternehmen neue, innovative Wege zum Businesserfolg und ermöglichen es, neue Personengruppen anzusprechen, die über normale Netzwerke nie erreicht werden können. Interne Strukturen eines »Enterprise 2.0«, wie Funktionen, Workflow oder Informationsmanagement, sind nicht von vornherein festgelegt, sondern können von den Usern bzw. Mitarbeitern modifiziert werden. Will ein Unternehmen zum Enterprise 2.0 werden, muss es grundlegende Änderungen in der Firmenkultur vornehmen, so McAfee, der in den nächsten Jahren noch sehr viel mehr Innovationen kommen sieht.

EXABYTES UND ZETTABYTES: DIE DATENFLUT
Bret Swanson, Autor des Bestsellers »The Coming Exaflood« und Vorsitzender der Progress & Freedom Foundation, gab einen eindrucksvollen Einblick in seine Berechnungen über die bedrohliche Datenflut im Internet. Wir befinden uns in der Phase drei der Internet-Evolution, in der aktuelle technische Entwicklungen und neue Datenformen zu einem exorbitanten Anstieg des globalen Datenvolumens führen. Derzeit sorgen Anwendungen, wie Youtube, IPTV, Bilder in High Definition oder alle weltweiten Conference Calls zusammen, für eine jährliche globale Datenmenge von einem Exabyte oder 10 hoch 18 Bytes. In Zukunft werden aufsehenerregende, photorealistische, interaktive, Real-Time-3D Videospiele und gänzlich computeranimierte Kinofilme in Ultra High Definition dafür sorgen, dass bis 2015 der Datenverkehr auf ein Zettabyte oder 10 hoch 21 Byte (1 + 21 Nullen) anschwillt.

BEST PRACTICE UND GARTNER PANEL
Aufsehenerregende Case Studies zukunftsweisender Unternehmen, darunter Wikipedia, Apple (iPhone SDK), Salesforce, BMW, T-Mobile, Fabasoft und Cisco wurden von führenden Persönlichkeiten präsentiert. Im prominent besetzten Gartner-Panel, benannt nach dem weltweit führenden IT-Entwicklungs- und Beratungs-Unternehmen, diskutierten unter anderen McDonald’s Vizepräsident und CIO Europe & MEA Frank Ellermeyer, Voestalpine IT-Stratege Rudolf Schütz, sowie Raiffeisen Informatik CEO Hartmut Müller über weitreichende zukünftige Veränderungen von Arbeit und Wirtschaft durch technologische Innovationen.

Helmut Fallmann, Vorstand des Linzer Software-Konzerns Fabasoft, der gemeinsam mit der Fachhochschule Krems »talk the future« möglich machte: »Wir alle erleben die umfassenden Veränderungen im Wirtschaftsleben: Globalisierung, Beschleunigung, neue Formen der Wertschöpfung im Rahmen virtueller sozialer Netzwerke. Bei ‘talk the future’ wurde viel über die Zukunft von Arbeit und Business geredet. Jetzt heißt es für uns alle, diese aufregenden neuen Erkenntnisse, Ideen und Anregungen in die Praxis umzusetzen bzw. die, im eigenen Unternehmen bereits bestehenden Web-2.0-Tools weiterzuentwickeln. Wir gehen hoch motiviert nach Hause und freuen uns schon jetzt auf ‘talk the future’ 2009.«

PRAXISBEISPIELE
Heinz Boyer, Geschäftsführer der IMC Fachhochschule Krems, hob neben den inspirierenden Impulsreferaten und hochkarätigen Podiumsdiskussionen die exklusiven Workshops von Apple, Wikipedia und BMW hervor. »Hier konnte man aus erster Hand erfahren, wie Unternehmen Web-2.0-Technologien zum eigenen Vorteil nutzen können und welche Innovationen gewinnbringend umsetzbar sind.«

Die im Audimax präsentierten Web- 2.0-Tools und Social-Networking-Anwendungen, die im Businessalltag immer mehr Beachtung finden, wurden vom Publikum gleich in die Praxis umgesetzt. Nicht nur Don Tapscott, auch einige Teilnehmer stellten noch während des Kongresses Fotos und Kommentare zu »talk the future« in ihren persönlichen Blogs und Wikis online.

SOCIAL NETWORKING BEI WINE UND DINE
Am Freitag abend wurde die Kremser Minoritenkirche in eine einzigartige Gala-Location verwandelt. Die Gäste genossen ein fünfgängiges Gala-Dinner aus regionalen Köstlichkeiten, die von Top-Weinen begleitet wurden.

Der niederösterreichische Weinbaupräsident Franz Backknecht persönlich präsentierte die erlesenen weißen und roten Traubensäfte Grüner Veltliner und Riesling sowie Roter Veltliner und St. Laurent von regionalen Top-Winzern.

Natürlich wurde auch Social Networking der Zukunft betrieben. Zwischen Tafelspitzsülzchen,  Rinderfiletroulade auf Pilzragout und Kaiserschmarrn wurden nicht nur edelste Weine aus der Region verkostet, sondern auch Blog-Urls ausgetauscht und neue »Friends« in Facebook geaddet.

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03
Dec

Wikipedia ist das Rote Kreuz für Wissen im Netz

Aus meinem NEWS Archive: 16. July 2009

Jimmy Wales, Gründer der freien Internet-Enzyklopädie Wikipedia, analysiert die Gründe seines Erfolgs, spricht über die weiteren Ziele und ortet das größte Wachstumspotenzial in den Entwicklungsländern.

WirtschaftsBlatt: Wikipedia ist eine freie Enzyklopädie im Internet, bei der jeder mitarbeiten kann. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Jimmy Wales: Vor Wikipedia gab es ein Vorgängerprojekt. Nupedia war ebenfalls eine freie Enzyklopädie, allerdings mit einer sehr hierarchischen Struktur und hohen Einstiegshürden. Dieser akademische Ansatz scheiterte. Schließlich hat mein Mitarbeiter Larry Sanger in der Wiki-Software ein einfacheres System gefunden, um zahlreiche Menschen eine Enzyklopädie schreiben zu lassen. Das Konzept war sehr schnell erfolgreich.

Sie haben Finanzwissenschaften studiert und als Broker gearbeitet. Warum haben Sie ein erfolgreiches Internet-Projekt einer Non-Profit-Gruppe übergeben?

Das war mitten im Dotcom-Crash. Die Wikipedia ist das Rote Kreuz für Wissen und sollte daher nicht auf Gewinn ausgerichtet sein.

Die erfolgreichsten Internet-Projekte haben nie Werbung gemacht?

Es ist heutzutage relativ leicht, sehr große Marken über Mundpropaganda aufzubauen, weil wir in einem Zeitalter leben, in dem jeder mit jedem kommuniziert. Wikipedia ist erfolgreich, weil jeder das Konzept versteht, gut findet und weitererzählt. Bei Google ist es genau dasselbe.

Wenn man einen Begriff googelt, ist meist eines der ersten Ergebnisse von Wikipedia. Ist Google wichtig für den Erfolg der Wikipedia?

Google ist für jeden wichtig, weil sie eine absolut marktbeherrschende Stellung im Bereich der Internet-Suche haben.

Warum greifen Sie Google mit Ihrer eigenen Suchmaschine “Wikia Search” an?

Ich bin ein Verfechter des freien Wettbewerbs und ich glaube an das Konzept der Offenheit. Die Internet-Suche war bisher viel zu verschlossen und niemand weiß genau, wie sie funktioniert. Suchmaschinen müssen offen sein, damit Menschen die Ergebnisse beurteilen, kommentieren und ändern können.

Open Source-Software steht jedem frei zur Verfügung. Wie kann man mit etwas, das nichts kostet, Geld machen?

In diesem Bereich gibt es jede Menge erfolgreiche Geschäftsmodelle. MySQL stellt etwa eine freie Software zur Verfügung und macht Geld durch Support-Verträge. IBM verkauft Hardware, die mit freier Software läuft. Firefox finanziert sich über Werbeanzeigen von Google (genauso wie Wikia Search, Anm.).

Aus dem Bereich der Open Source-Software kommt auch jene zentrale Idee der Wikipedia, dass eine große Masse an Autoren jeden Fehler aufspürt. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dieses Prinzip auf die Textproduktion anzuwenden?

Offenheit ist in der Softwareentwicklung sehr wertvoll. Wenn in einer Software ein Fehler auftritt, kann man sich als normaler Anwender meist nur beschweren. Als Programmierer könnte man den Fehler aber sofort beheben. Das geht natürlich nur, wenn die Software für den Programmierer frei zugänglich ist. Bei Texten ist das noch viel einfacher, weil es wesentlich mehr gute Autoren als Programmierer gibt.

Was müsste ein Internet-Startup haben, damit Sie investieren würden?

Ich würde am meisten darauf achten, dass die Idee nicht nur für mich alleine interessant ist, sondern dass ich auch sofort jedem davon erzählen will.

Was genau könnte das sein?

Zum Beispiel Dopplr.com. Das ist eine Plattform, auf der man seine Reisepläne und Routen mit anderen Nutzern teilen kann. Dopplr ist eine gute Möglichkeit, auf der ganzen Welt Menschen zu treffen, wenn man viel unterwegs ist. Das Problem ist, dass das nur für einen ganz kleinen Teil der Menschen interessant ist. Aber der Punkt ist, dass Dopplr für mich nützlich ist und dass ich sofort allen Freunden davon erzählt habe.

Wikipedia gibt es zurzeit in mehr als 250 Sprachen. Warum gibt es zum Beispiel in weit verbreiteten Sprachen wie Spanisch weniger Einträge als etwa in der polnischen Wikipedia?

Die Polen sind einfach schlauer und sehen besser aus [lacht]. Ganz generell gibt es einige Faktoren, die den Umfang maßgeblich beeinflussen. Die Verbreitung der Sprache, die Breitband-Marktdurchdringung und die Zahl der Englisch sprechenden Menschen in einem Land. Zum Teil haben diese Menschen schon zuvor die englischsprachige Wikipedia benutzt und sind generell Internet-affiner. Die Deutschen sprechen zum Beispiel besser Englisch als die Franzosen, deshalb ist die deutsche Wikipedia größer. Ein weiterer Faktor scheint das Wetter zu sein. So haben etwa die Schweden und die Finnen gemessen an der Einwohnerzahl relativ große Wikipedias.

In China war Wikipedia für drei Jahre gesperrt. Dennoch ist sie mittlerweile eine der umfangreichsten Versionen.

Die chinesische Wikipedia hat etwa 200.000 Einträge und ist die elft- oder zwölftgrößte Wikipedia. Aber im Vergleich zu der Anzahl an chinesisch sprechenden Menschen, ist das klein. China hat ein starkes Wachstumspotenzial. Derzeit ist es die zweitgrößte Internetnation und bald wird es die größte sein. Zurzeit sind wir Nummer 59 der meistbesuchten Webseiten in China, aber wir werden der chinesischen Wikipedia nun etwas mehr Aufmerksamkeit widmen, um rascher zu wachsen.

Sie haben Breitband-Internet als Faktor für die Internet-Nutzung erwähnt. In Österreich nutzen nur 46 Prozent diese Art des Internet-Zugangs. Wie könnte man das ändern?

Vielleicht ist es zu warm in Österreich [lacht]. Grundsätzlich bin ich ein Verfechter des freien Marktes und habe nur wenig übrig für Subventionierungsmaßnahmen durch Regierungen. Andererseits können Regierungen durch bestimmte Dienste die Internetnutzung steigen. Zum Beispiel durch eine Online-Steuererklärung.

Was ist Ihrer Ansicht nach die wichtigste Zukunftsressource?

Die wichtigste Ressource war schon immer der menschliche Verstand. Der einzige Weg, die Probleme der Welt zu lösen, sind gute Ideen. Bildung ist also besonders wichtig.

Und das Internet ist wichtig, um Wissen zu verbreiten?

Ja, das Wichtigste am Internet ist seine unhierarchische Struktur. Dadurch hat es ein ganz anderes Potenzial als etwa klassische Nachrichten-Medien, die auf Industrienationen wie die USA, Europa oder Japan fixiert sind. Das größte Wachstumspotenzial hat das Internet in China, Indien, Afrika und Südamerika. Wenn alle diese Menschen aus den Entwicklungsländern künftig online gehen, können sie plötzlich direkt mit uns kommunizieren. Die Kosten im Telekommunikationsbereich werden in den kommenden Jahren so stark sinken, dass uns hungernde Menschen aus Afrika anrufen, um sich zu beschweren. Stellen Sie sich vor, das Telefon klingelt und Sie hören “Hallo, ich bin Äthiopier und ich bin hungrig”. Ich meine das natürlich nicht ernst, aber solche Szenarien würden es uns erschweren, nicht hinzusehen.

Das Projekt “One Laptop per Child” versucht Menschen in Entwicklungsländern mit Notebooks zu versorgen, um ihnen den Zugang zum Internet zu erleichtern. Sind Sie ein Fan von diesem Projekt?

Ich mag zwar die Idee, aber ich glaube, dass das die falsche Technologie ist. Ich finde es nicht gut, wenn Regierungen in armen Ländern Geld für Notebooks ausgeben. In den meisten dieser Länder gibt es ausschließlich Privatschulen, die zwischen zwei und vier Dollar pro Monat kosten. Mit 100 Dollar (der Preis eines “One Laptop per Child”-Notebooks, Anm.) könnte man also eine fünfjährige Schulausbildung finanzieren.

(Das Interview führte Sara Gross “Die Presse”)

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