Aus meinem NEWS Archive: 16. July 2009

Jimmy Wales, Gründer der freien Internet-Enzyklopädie Wikipedia, analysiert die Gründe seines Erfolgs, spricht über die weiteren Ziele und ortet das größte Wachstumspotenzial in den Entwicklungsländern.

WirtschaftsBlatt: Wikipedia ist eine freie Enzyklopädie im Internet, bei der jeder mitarbeiten kann. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Jimmy Wales: Vor Wikipedia gab es ein Vorgängerprojekt. Nupedia war ebenfalls eine freie Enzyklopädie, allerdings mit einer sehr hierarchischen Struktur und hohen Einstiegshürden. Dieser akademische Ansatz scheiterte. Schließlich hat mein Mitarbeiter Larry Sanger in der Wiki-Software ein einfacheres System gefunden, um zahlreiche Menschen eine Enzyklopädie schreiben zu lassen. Das Konzept war sehr schnell erfolgreich.

Sie haben Finanzwissenschaften studiert und als Broker gearbeitet. Warum haben Sie ein erfolgreiches Internet-Projekt einer Non-Profit-Gruppe übergeben?

Das war mitten im Dotcom-Crash. Die Wikipedia ist das Rote Kreuz für Wissen und sollte daher nicht auf Gewinn ausgerichtet sein.

Die erfolgreichsten Internet-Projekte haben nie Werbung gemacht?

Es ist heutzutage relativ leicht, sehr große Marken über Mundpropaganda aufzubauen, weil wir in einem Zeitalter leben, in dem jeder mit jedem kommuniziert. Wikipedia ist erfolgreich, weil jeder das Konzept versteht, gut findet und weitererzählt. Bei Google ist es genau dasselbe.

Wenn man einen Begriff googelt, ist meist eines der ersten Ergebnisse von Wikipedia. Ist Google wichtig für den Erfolg der Wikipedia?

Google ist für jeden wichtig, weil sie eine absolut marktbeherrschende Stellung im Bereich der Internet-Suche haben.

Warum greifen Sie Google mit Ihrer eigenen Suchmaschine “Wikia Search” an?

Ich bin ein Verfechter des freien Wettbewerbs und ich glaube an das Konzept der Offenheit. Die Internet-Suche war bisher viel zu verschlossen und niemand weiß genau, wie sie funktioniert. Suchmaschinen müssen offen sein, damit Menschen die Ergebnisse beurteilen, kommentieren und ändern können.

Open Source-Software steht jedem frei zur Verfügung. Wie kann man mit etwas, das nichts kostet, Geld machen?

In diesem Bereich gibt es jede Menge erfolgreiche Geschäftsmodelle. MySQL stellt etwa eine freie Software zur Verfügung und macht Geld durch Support-Verträge. IBM verkauft Hardware, die mit freier Software läuft. Firefox finanziert sich über Werbeanzeigen von Google (genauso wie Wikia Search, Anm.).

Aus dem Bereich der Open Source-Software kommt auch jene zentrale Idee der Wikipedia, dass eine große Masse an Autoren jeden Fehler aufspürt. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dieses Prinzip auf die Textproduktion anzuwenden?

Offenheit ist in der Softwareentwicklung sehr wertvoll. Wenn in einer Software ein Fehler auftritt, kann man sich als normaler Anwender meist nur beschweren. Als Programmierer könnte man den Fehler aber sofort beheben. Das geht natürlich nur, wenn die Software für den Programmierer frei zugänglich ist. Bei Texten ist das noch viel einfacher, weil es wesentlich mehr gute Autoren als Programmierer gibt.

Was müsste ein Internet-Startup haben, damit Sie investieren würden?

Ich würde am meisten darauf achten, dass die Idee nicht nur für mich alleine interessant ist, sondern dass ich auch sofort jedem davon erzählen will.

Was genau könnte das sein?

Zum Beispiel Dopplr.com. Das ist eine Plattform, auf der man seine Reisepläne und Routen mit anderen Nutzern teilen kann. Dopplr ist eine gute Möglichkeit, auf der ganzen Welt Menschen zu treffen, wenn man viel unterwegs ist. Das Problem ist, dass das nur für einen ganz kleinen Teil der Menschen interessant ist. Aber der Punkt ist, dass Dopplr für mich nützlich ist und dass ich sofort allen Freunden davon erzählt habe.

Wikipedia gibt es zurzeit in mehr als 250 Sprachen. Warum gibt es zum Beispiel in weit verbreiteten Sprachen wie Spanisch weniger Einträge als etwa in der polnischen Wikipedia?

Die Polen sind einfach schlauer und sehen besser aus [lacht]. Ganz generell gibt es einige Faktoren, die den Umfang maßgeblich beeinflussen. Die Verbreitung der Sprache, die Breitband-Marktdurchdringung und die Zahl der Englisch sprechenden Menschen in einem Land. Zum Teil haben diese Menschen schon zuvor die englischsprachige Wikipedia benutzt und sind generell Internet-affiner. Die Deutschen sprechen zum Beispiel besser Englisch als die Franzosen, deshalb ist die deutsche Wikipedia größer. Ein weiterer Faktor scheint das Wetter zu sein. So haben etwa die Schweden und die Finnen gemessen an der Einwohnerzahl relativ große Wikipedias.

In China war Wikipedia für drei Jahre gesperrt. Dennoch ist sie mittlerweile eine der umfangreichsten Versionen.

Die chinesische Wikipedia hat etwa 200.000 Einträge und ist die elft- oder zwölftgrößte Wikipedia. Aber im Vergleich zu der Anzahl an chinesisch sprechenden Menschen, ist das klein. China hat ein starkes Wachstumspotenzial. Derzeit ist es die zweitgrößte Internetnation und bald wird es die größte sein. Zurzeit sind wir Nummer 59 der meistbesuchten Webseiten in China, aber wir werden der chinesischen Wikipedia nun etwas mehr Aufmerksamkeit widmen, um rascher zu wachsen.

Sie haben Breitband-Internet als Faktor für die Internet-Nutzung erwähnt. In Österreich nutzen nur 46 Prozent diese Art des Internet-Zugangs. Wie könnte man das ändern?

Vielleicht ist es zu warm in Österreich [lacht]. Grundsätzlich bin ich ein Verfechter des freien Marktes und habe nur wenig übrig für Subventionierungsmaßnahmen durch Regierungen. Andererseits können Regierungen durch bestimmte Dienste die Internetnutzung steigen. Zum Beispiel durch eine Online-Steuererklärung.

Was ist Ihrer Ansicht nach die wichtigste Zukunftsressource?

Die wichtigste Ressource war schon immer der menschliche Verstand. Der einzige Weg, die Probleme der Welt zu lösen, sind gute Ideen. Bildung ist also besonders wichtig.

Und das Internet ist wichtig, um Wissen zu verbreiten?

Ja, das Wichtigste am Internet ist seine unhierarchische Struktur. Dadurch hat es ein ganz anderes Potenzial als etwa klassische Nachrichten-Medien, die auf Industrienationen wie die USA, Europa oder Japan fixiert sind. Das größte Wachstumspotenzial hat das Internet in China, Indien, Afrika und Südamerika. Wenn alle diese Menschen aus den Entwicklungsländern künftig online gehen, können sie plötzlich direkt mit uns kommunizieren. Die Kosten im Telekommunikationsbereich werden in den kommenden Jahren so stark sinken, dass uns hungernde Menschen aus Afrika anrufen, um sich zu beschweren. Stellen Sie sich vor, das Telefon klingelt und Sie hören “Hallo, ich bin Äthiopier und ich bin hungrig”. Ich meine das natürlich nicht ernst, aber solche Szenarien würden es uns erschweren, nicht hinzusehen.

Das Projekt “One Laptop per Child” versucht Menschen in Entwicklungsländern mit Notebooks zu versorgen, um ihnen den Zugang zum Internet zu erleichtern. Sind Sie ein Fan von diesem Projekt?

Ich mag zwar die Idee, aber ich glaube, dass das die falsche Technologie ist. Ich finde es nicht gut, wenn Regierungen in armen Ländern Geld für Notebooks ausgeben. In den meisten dieser Länder gibt es ausschließlich Privatschulen, die zwischen zwei und vier Dollar pro Monat kosten. Mit 100 Dollar (der Preis eines “One Laptop per Child”-Notebooks, Anm.) könnte man also eine fünfjährige Schulausbildung finanzieren.

(Das Interview führte Sara Gross “Die Presse”)

Online-Artikel und mehr Informationen auf wirtschaftsblatt.at


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