Praktikanten-Bericht erschüttert Londoner Bankenszene

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“Twitter hat bald ausgezwitschert”

Der aufsehenerregende Bericht eines Londoner Schülers zur Mediennutzung von Jugendlichen stellt einige Einschätzungen professioneller Analysten auf den Kopf.

Wien (mar). Für Unternehmen zahlt es sich aus, Praktikanten zu beschäftigen. Sie bringen in der Regel gehörigen Respekt vor dem Arbeitgeber mit, sammeln Punkte für den Lebenslauf und verrichten Handlangerdienste, für eine Handvoll Euro oder völlig umsonst. Nur noch selten kommt es vor, dass ein Praktikum in eine Beschäftigung übergeht. Noch viel seltener ist es aber, dass die Arbeitsergebnisse eines Praktikanten über den jeweiligen Einsatzbereich hinaus Wellen schlagen – oder sogar internationale Aufmerksamkeit erlangen. Die Rede ist diesmal nicht von der berühmtesten Praktikantin der Welt, nach deren Beschäftigung im Weißen Haus US-Präsident Bill Clinton 1999 am Rande des Rücktritts stand. Sondern von einem englischen Teenager, der gerade Erfahrungen bei der Londoner Niederlassung der US-Bank Morgan Stanley sammelt.

Ein Bericht erschüttert die „City“

Der 15-jährige Matthew Robson sollte probeweise einen kurzen Analystenbericht schreiben. Niemand hat erwartet, was dabei herauskam: Der Report beinhalte „einige der klarsten und aufrüttelndsten Ansichten, die uns bisher begegnet sind“, kommentiert Edward Hill-Wood, Analyst bei Morgan Stanley: „Also haben wir sie veröffentlicht.“

Daraufhin sorgte der Text für eine Resonanz, mit der ebenfalls niemand gerechnet hatte. Die „Financial Times“ (FT) brachte ihn am Montag auf der Titelseite, das Interesse unter Medienmanagern und Investoren ist riesig. „Wir haben viele Dutzend Fondsmanager und Geschäftsführer, die uns nun täglich anrufen“, wird Hill-Wood in der „FT“ zitiert. Dann gibt er zu, dass das Feedback, das der Text des Schülers bekommt, fünf bis sechs Mal größer sei als bei den „üblichen“ Berichten von Morgan Stanley. Der „Guardian“ meldet, dass der Report die „City“, das Londoner Bankenviertel, erschüttert – und ganz nebenbei auch die Arbeit der professionellen Analysten desavouiert.

Im Mittelpunkt des Textes steht die Mediennutzung junger Menschen, was wiederum Rückschlüsse auf die Geschäftsaussichten einzelner Medien erlauben soll. Anders als bei klassischen Marktanalysen üblich, werden die umfangreichen Statistiken der Jugendforschung links liegen gelassen. Matthew Robson bekam schlicht die Aufgabe, die Mediennutzung seiner Freunde zu beschreiben. Zum Teil bestätigen seine Aussagen allgemein bekannte Trends – und zum Teil stehen sie im direkten Widerspruch dazu.

So bestätigt Robson, dass sich junge Zielgruppen von den klassischen Medien – Print, Radio, Fernsehen – abwenden und stattdessen auf elektronische Medien setzen. Kaum noch jemand höre regelmäßig Radio: Musik als wichtigste Nutzungsmotivation gebe es auch per Livestream, im Internet lasse sich die Abfolge der Lieder individuell und werbefrei zusammenstellen. Dasselbe gelte auch für das Fernsehen – zwar seien Fußball, bestimmte Shows und Serien nach wie vor beliebt, aber die individuelle Filmauswahl per DVD oder das zeitunabhängige Herauspicken einzelner Programmbestandteile als Podcasts gewinne ständig an Reichweiten. Auch gedruckte Medien kommen nicht gut weg: Teenager seien nicht bereit, große Zeitungen zu lesen und vor allem zu bezahlen, schreibt Robson.

Aber vor allem im Hinblick auf die elektronischen Medien stehen die Beobachtungen des 15-Jährigen im direkten Widerspruch zu den gängigen Meinungen des Marktes. Am schlechtesten kommt Twitter weg – ein Portal für persönliche Kurzmitteilungen, das lange als der neue große Trendsetter gegolten hat. Das Fazit von Robson ist vernichtend: „Teenager nutzen Twitter nicht.“ Es sei für sie einfach zu teuer und nutzlos, per Handy ihr Profil zu pflegen, da es sowieso niemand betrachte. Dagegen seien sie gerne bereit, Geld für Videokonsolen, Kino und Konzerte auszugeben.

Eine Frage bleibt offen: Wer soll die kostspieligen, aber umsonst vertriebenen Inhalte finanzieren? Der Bericht macht deutlich, dass Jugendliche bezahlte Inhalte vehement ablehnen. Und für Werbung als das zweite Finanzierungsmodell haben sie – in klassischen Medien, und noch mehr im Internet – ebenfalls nur Verachtung übrig.

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Facebook & Co: Könige im Netz, Bettler im Markt

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Netzwerke bieten hunderten Millionen Menschen eine virtuelle Heimat. Aber statt Goldgruben sind sie ein höchst reales Verlustgeschäft. Ein paradoxer Drahtseilakt zwischen Weltherrschaft und Bankrott.

Vielleicht sehnen sie sich in stillen Momenten an ihre Anfänge zurück, die Herren Anderson und Zuckerberg. An die Zeit, als da nur eine kleine Idee war und kein paradoxer Drahtseilakt zwischen Weltherrschaft und Bankrott.

Vor sechs Jahren wollte der junge Programmierer Tom Anderson seine Lieblingsbands mit ihren Fans zusammenbringen. Jeder Musiker bekam seinen Platz im Netz – MySpace – um sich zu präsentieren und Fanpost zu empfangen. Ein Jahr später machte sich der Harvard-Student Mark Zuckerberg daran, seine Kommilitonen zu vernetzen. Erstsemestrige sollten es leichter haben, sich zu orientieren und Freunde zu gewinnen – was auch der Sinn der „Facebooks“ war, Broschüren mit Fotos der Studenten, die auf dem Campus verteilt wurden.

Die Idee eroberte die Welt. Heute versammeln sich hunderte Millionen Menschen im Web 2.0, um mit echten Freunden zu plaudern, virtuelle zu sammeln und sich selbst in Wort und Bild zu inszenieren. Risikokapitalgeber, die in dem Massenphänomen ein hoch lukratives Geschäft witterten, bissen an. Die Softwareplatzhirsche mischten sich ein, der Geldhahn öffnete sich weit. Aus den Mini-Anteilen, die Microsoft und der russische Investor Sky Technologies am Marktführer Facebook erwarben, ergibt sich ein hochgerechneter Wert von zehn bis 15 Mrd. Dollar – für ein Unternehmen, das bisher nur Verluste geschrieben hat. Welche Saat soll hier aufgehen?

Zwar kostet es nichts, sich ein Profil zu erstellen, aber – so das Kalkül – das wird doch nur der Anfang sein. Wie bei so vielen Webseiten mit Suchtpotenzial könnte man doch bald für bestimmte Premiumleistungen einen Aufpreis verlangen. Diesen Schritt aber hat noch keines der großen Netzwerke gewagt. Eine Plattform zu nutzen, die Freunde vermittelt, ist eine tolle Sache, aber wenn der Anbieter dafür Geld fordert, hört sich die Freundschaft auf. Nur ein paar Klicks braucht es, um zu einem anderen Netzwerk zu wechseln und die Freunde gleich mitzunehmen.

Ein Aufpreis für Premiumleistungen funktioniert nur bei spezialisierten Netzwerken wie dem deutschen Xing oder dem US-Pendant Likedin, über die sich Geschäftskontakte anbahnen lassen. Hier hat die Freundschaft einen monetären Wert, und der Nutzer ist bereit, für ihre Vermittlung zu zahlen. Solche Nischenanbieter sind auch die Einzigen, die Gewinne schreiben.

Ein Bann gegen Banner. Der klassische Weg, die Popularität einer Seite in klingende Münze zu verwandeln, ist die Bannerwerbung. Sie ist umso erfolgreicher, je besser sie zu den Interessen des Nutzers passt. Google spielt diese Klaviatur virtuos: Der Nutzer startet eine Suchanfrage, etwa für „Santorin“, und erhält, zusätzlich zur Linkliste, Last-Minute-Angebote für dieses Reiseziel.

Für zielgerichtete Werbung hätten soziale Netzwerke im Prinzip sogar bessere Voraussetzungen als Suchmaschinen. Statt ein isoliertes momentanes Interesse zu bekunden, serviert der Nutzer mit seinem selbsterstellten Profil wie auf dem Silbertablett seine gesamte Bedürfnispyramide – vom Lieblingsgericht über das Freizeitverhalten bis zu sexuellen Vorlieben.

Die Sache hat nur einen Haken: Wer in einem Profil seine Persönlichkeit preisgibt, fühlt sich als Hausherr seiner eigenen Seite. In dieser virtuellen Privatsphäre will man Freundschaft und Freizeit zelebrieren, aber nicht von Werbung belästigt werden. So haben sich Nutzer sozialer Netzwerke lange gegen Banner gewehrt. Wo sie durchgesetzt wurden, sind die Klickraten enttäuschend. Auch subtilere Empfehlungswerbung, die perfekt zu einem Freundschaftsnetzwerk zu passen scheint, setzt sich kaum durch.

Dennoch sind sich Werber, Soziologen und Geheimdienste einig, dass die Netzwerker auf einem ungehobenen Schatz sitzen: dem „sozialen Graphen“ ihrer Nutzer, der das Beziehungsgeflecht einer Gemeinschaft abbildet und nutzbar macht. Wer tauscht sich mit wem aus, welche Gruppen formieren sich, welche Trends entstehen: Nie standen diese Informationen so rasch und einfach zur Verfügung.

So kamen die „General Interest“-Netzwerke auf die Idee, ihre Daten anderen Seitenbetreibern anzubieten. Sie können nun, etwa auf der „Facebook Platform“, eigene Applikationen einbauen und mit Erlaubnis der User auf deren Daten zugreifen. Umgekehrt können Nutzer mit „Facebook Connect“ ihre Daten auf anderen Seiten verwenden, ohne sich dort registrieren zu müssen. Ihre wertvolle Kontaktliste liefern sie gleich mit. So verwandeln sich Netzwerke in Anbieter von Infrastruktur und Personendaten – vorerst kostenlos.

Doch die Zweifel sind groß, ob sich daraus ein Geschäftsmodell entwickeln lässt. Denn die Nutzer lassen ihre Daten nicht zu Markte tragen. Als sich Facebook im Februar in die Geschäftsbedingungen schrieb, dass es ihre Daten auch nach Löschung des Profils unbegrenzt nutzen darf, regte sich heftiger Widerstand. Die Nutzer wurden zur Abstimmung gebeten. Das Ergebnis: Ihre Informationen bleiben ihr Besitz.

Speicherkosten steigen. Vor allem aber würde auch mit einem Verkauf von Daten die heiße Kartoffel nur weitergereicht. Am Ende der Kette muss die Information zu Geld gemacht werden, sonst bricht das Geschäftsmodell in sich zusammen. Doch alle Seitenbetreiber haben es mit den gleichen renitenten Nutzern zu tun. Eine stille Revolution: Eine Generation von Internetnutzern verweigert sich der Vermarktung ihrer Freizeit.

Überschaubare 280 Mio. Dollar soll Facebook im Vorjahr umgesetzt haben. Dem gegenüber stehen deutlich höhere Kosten, die der Fachblog TechChrunch recherchiert hat. Größter Brocken sind nicht die 850 Mitarbeiter, sondern Anschaffungskosten für neue Server und Speicherkapazität – pro Woche drei Millionen Dollar, Tendenz stark steigend. Denn die Facebook-Gemeinde explodiert. Der frühere US-Marktführer MySpace fällt klar zurück und hat vergangene Woche ein Drittel seiner Mitarbeiter abgebaut. Die Branche ist sich einig: Er hat den Fehler gemacht, zu früh auf Umsatz zu setzen, statt mit allen Mitteln Nutzer zu gewinnen.

Daraus zieht auch die deutsche Nummer eins ihre Lehren: StudiVZ mit den Erweiterungen SchülerVZ und MeinVZ verteidigt sich als regionaler David erfolgreich gegen den globalen Goliath Facebook – und hält zugleich den Verlag Holtzbrinck als Investor bei Laune, trotz geschätzten 13 Mio. Euro Verlust im Vorjahr. Dass Facebook weltweit das Rennen macht, ist nicht ausgemacht. Alles bleibt in Bewegung.

Nicht nur Spatzen zwitschern es von den Dächern: Der Schnellnachrichtendienst Twitter, den noch vor Monaten nur wenige kannten, ist das neue große Ding. Von Umsätzen oder einem Geschäftsmodell ist dort keine Rede. Rasch wachsen, nur nicht weichen, heißt auch seine Devise. Am Ende mag ein einziges Netzwerk übrig bleiben, mit einem riesigen „sozialen Graphen“, der seinem Besitzer Macht verleiht. The winner takes it all? Selbst der Sieger könnte ein König mit leeren Taschen bleiben – und einem Imperium, das mangels Gewinne implodiert.

(”Die Presse”, Print-Ausgabe, 21.06.2009)

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Impfen schützt auch andere

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ImpfenSchuetztAlle

Auszug aus Millionenvilla als Basis für Mikrokredite

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Ein Unternehmer verlost sein Tiroler Luxusdomizil, um eine Entwicklungshilfe-Plattform zu gründen

Innsbruck – “Ich habe lange geglaubt, dass mehr Geld und mehr Luxus automatisch mehr Glück bedeuten”, sagt der 47-jährige Unternehmer Karl Rabeder. Jetzt sieht er das anders: Der Oberösterreicher wird seine 321 Quadratmeter große Traumvilla im Wert von 1,6 Millionen Euro in Telfs verlosen. Die Besonderheit: Mit dem Erlös will er über Mikrokredite Menschen in der Dritten Welt helfen. Als Kind sei er in Armut aufgewachsen. Mit Trockenblumen, Gestecken, Vasen, Kissen, also Wohnaccessoires, sei er dann reich geworden. 2004 hat er seine Firma verkauft, jetzt sei noch das Haus dran, dann sei er “frei” für sein “neues Leben”.

Am Wochenende konnte eine Loskäuferin probewohnen. “Wir haben gut geschlafen, obwohl das Wasserbett schon sehr gewöhnungsbedürftig ist”, sagte Claudia Marchi Samstagmorgen. Die Münchnerin hat eines der 21.999 Lose um 99 Euro gekauft und zusätzlich die Übernachtung in der dreistöckigen Luxusvilla am Fuß der Hohen Munde gewonnen.

Ein Haus in Tirol wäre “ihr Traum”. Allein die Aussicht vom großen Esstisch der Villa über das gesamte Inntal bis hinunter zum Patscherkofel sei ein “Wahnsinn”, schwärmt Marchi. Dass mit dem Reinerlös aus der Villenverlosung Mikrokredite organisiert werden gebe der Sache auch etwas “Spirituelles”, freut sich Marchi.

Armut verringern

Rabeder hat vor wenigen Monaten seine Non-Profit-Organisation gegründet: “MyMicroCredit” hat es sich durch die Vergabe kleiner Kredite zum Ziel gesetzt, die Armut in weniger entwickelten Regionen der Erde zu verringern. “Meine Lieblingsgegend ist Lateinamerika”, sagt Rabeder: “Schon 250 Euro reichen etwa in Guatemala aus, um ein Folienhaus zu bauen.” Seine Organisation werde aber weltweit bedürftigen Menschen helfen. “Sie soll eine transparente Plattform werden, die Kreditnehmer aus armen Ländern mit sozialen Investoren zusammenführt.” Weltweit gebe es Experten für alles. Man müsse sie nur zusammenführen. Die Investoren könnten dabei ihre Mikrokreditnehmer selbst auswählen, im Gegenzug erhalten sie Informationen und Bildmaterial über die Kreditnehmer. Zudem sollen sich Investoren über den Entwicklungsstand “ihres Projektes” am Laufenden halten können.

Freitagmittag hat Rabeder sein Traumhaus mit Sauna, Dampfbad, Schwimmbad und eigenem Beachvolleyballplatz erstmals zum Probewohnen freigegeben. Nach der Verlosung sucht er eine Mietwohnung in Innsbruck. Aus der Villa will er nur das Nötigste mitnehmen: seine Kleider, seinen Laptop und seinen Idealismus.

(Verena Langegger/DER STANDARD-Printausgabe, 18.5.2009)

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Jüngster Firmenchef: Ich bin kein Kind, ich bin der Boss

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Suhas Gopinath ist der jüngste Firmenchef der Welt. Mit 14 gründete er, gegen alle Widerstände, ein IT-Unternehmen. Heute ist er 22, beschäftigt 350 Software-Ingenieure und diskutiert als „Young Global Leader“ mit Bill Gates, Indiens Premier und dem Weltbank-Chef.

Die Damen am Empfang sind nervös und verwirrt. Wir sind nicht irgendwo, wir sind im Hauptquartier der Weltbank in Washington. Und da kommt so ein indischer Dreikäsehoch und will mit dem Präsidenten sprechen. Ja, ein Termin mit einem gewissen Suhas Gopinath ist eingetragen. Aber wir haben einen Firmenchef erwartet und kein Kind. Der Reisepass als Beweis? Der könnte ja gefälscht sein, wer kann das schon wissen.

Der junge Mann bleibt geduldig, lächelt, führt ein klärendes Telefonat. Szenen wie diese ist Suhas gewohnt, seit er 14 ist. Damals, vor acht Jahren, gründete der Internetfreak, allen Widerständen zum Trotz, seine eigene Kapitalgesellschaft. Seitdem hat er allen gezeigt, dass es geht und wie es geht: seinen skeptischen Eltern, seinen irritierten Kunden, der starren indischen Gesellschaft – und so manchen Securitys und Empfangsdamen.

Suhas war ein recht gewöhnlicher Junge aus dem indischen Mittelstand, bis ihn sein Bruder mit zehn in ein Cyber-Café mitnahm. Dort packte ihn die Leidenschaft – nicht am Spielen und Surfen, sondern am Programmieren. 1998, als er zwölf war, stellte er seine erste Website ins Netz, ein Infoforum für alle Inder. Sie weckte Interesse: bei Hackern aus Pakistan, die seine Seite kaperten, aber auch bei Talentjägern aus Kalifornien, die dem Gymnasiasten einen märchenhaft dotierten Job in einem großen IT-Konzern anboten, Chauffeur und Luxuswohnung inklusive. Doch statt einzuschlagen, gründete Suhas seine Firma Globals Inc. – auch das in Kalifornien, denn nach indischem Recht hätte er bis zur Volljährigkeit mit 18 warten müssen.

„Ein Jahr lang hab ich es meinen Eltern verheimlicht, sie hätten es nie erlaubt. Wenn ich meine Freunde einladen wollte, bettelte ich meinen Vater an, obwohl ich schon mein eigenes Geld verdiente. Ich wollte nicht, dass er Verdacht schöpft.“ Suhas spricht schnell, leise, verlegen, als plage ihn noch heute das schlechte Gewissen.

Freaks statt Akademiker. Schließlich ließ sich sein Unternehmertum nicht mehr länger verheimlichen, schon wegen der schlechten Noten, die der brave Schüler plötzlich nach Hause brachte. Sein Vater, ein Verteidigungsexperte, nahm es besser auf als seine Mutter: „Sie hatte Angst, dass ich auf die Nase falle.“

Der Jungunternehmer begann bei null: kein Kapital, vier minderjährige Freelancer, nur unausgereifte Ideen. Heute hat Globals Inc. 350 Mitarbeiter und Büros in elf Ländern. 100 Mio. Dollar bot ihm ein amerikanischer Private-Equity-Fonds schon 2005 für seine Firma. Wie war das möglich? In der boomenden IT-Industrie Indiens mit ihren tausenden Firmen musste er sich etwas Besonderes einfallen lassen, um reüssieren zu können.

Anfangs war er nur billiger, und noch heute ist der Preis Teil der Strategie: „Bei uns zählt nicht, wie alt jemand ist und ob er einen Uni-Abschluss hat. Entscheidend ist nur, was er kann. Deshalb haben wir so viele Praktiker, junge Freaks mit unterschätzten Talenten. Das senkt die Kosten.“

Das zweite Erfolgsgeheimnis war das neue Kundensegment. Die meisten indischen IT-Firmen suchen ihre Auftraggeber in den USA. Dort lagern große Unternehmen das Schreiben von Programmen und Verwalten von Daten gern in billige Büros in Schwellenländer aus – praktischerweise nach Indien, wo jeder Englisch spricht.

Kontinentaleuropäer aber fürchten sich vor IT-Supportern, die man am Telefon nicht versteht. In diese Kerbe schlug Suhas: „Wir haben deutsche und italienische Studenten als Projektmanager zwischengeschaltet. Sie bauen die Brücke, das Vertrauen ist da.“ Zurzeit macht Globals Inc. zwei Drittel des Umsatzes in Europa.

Bei Schwänzen SMS. Wirklich stolz aber ist Suhas auf sein elektronisches Klassenbuch, das Flaggschiff seiner Firma. „Die Idee dazu kam mir in der Schule. Da gab es immer einen wüsten Papierkrieg.“ Heute werden in 1250 indischen Schulen alle Daten elektronisch erfasst. Die Eltern bekommen automatisch ein SMS, wenn ihr Sprössling schwänzt. „Das hab ich erst nach der Matura programmiert, meine Mitschüler hätten mich sonst gelyncht“, grinst Suhas. Jetzt ist er dabei, mit seinem Schulinformationssystem die USA und die Niederlande zu erobern.

In seiner Firma geht es freilich ziemlich locker zu. Im Schnitt sind die fix Angestellten 26 Jahre alt, älter als 35 ist niemand, der jüngste Freelancer wurde gerade 13. Für den Nachwuchs an Wunderkindern ist also gesorgt. Freitag nach Dienst spinnt man sich aus, „oft spielen wir Verstecken, um den Kopf frei zu kriegen.“ Laufend kommen Praktikanten aus Europa in das indische Kultunternehmen, lernen die Realität eines Schwellenlandes kennen und bringen ihre Ideen ganz zwanglos in die Management-Meetings ein. Hierarchien gab es lange keine: „Ich hab geglaubt, dass jeder mir selbst berichten sollte. Erst seit Kurzem kann ich delegieren.“

Popstar der Wirtschaft. Das muss er aber auch, der kleine Boss. Seit sich sein medialer Status als „jüngster CEO der Welt“ verfestigt hat, wird er auf der ganzen Welt herumgereicht: als Parade-Inder und Vorbild der Jugend von der Regierung, als „Young Global Leader“ vom Weltwirtschaftsforum, auf Konferenzen und Symposien als Popstar der sonst so grauen Wirtschaftswelt. Das macht auch auf Bill Gates Eindruck: Er habe, gestand der Microsoft-Gründer im Gespräch mit Suhas demütig, erst mit 20 begonnen, also müsse er Angst vor ihm haben.

Trotz allem ist der Goldjunge geblieben, wie er war: schüchtern, nervös, bescheiden. Ein PR-Aushängeschild zu sein behagt ihm gar nicht. Aber er nimmt es auf sich, weil es der beste Weg ist, Kunden zu akquirieren. So auch am Freitag, wo er beim „India meets Austria Leadership Summit“ in Wien auftrat. Seine Mutter beklagt sich, dass er so selten zu Hause ist und isst. Er wohnt nämlich immer noch bei den Eltern. „Ich bin mit meinem Job verheiratet“, lächelt er und schämt sich gleich für die hohle Phrase.

Aber in ein paar Monaten, so hofft er, hat er endlich den Kopf frei. Nicht nur für neue Projekte: „Ich war lange zu vernarrt in meinen Job. Während meine Freunde Party machten, habe ich meine Jugend versäumt.“ Aber wer ein rechter Unternehmer ist, verfällt deshalb nicht in fruchtlose Melancholie: „Ich hol das jetzt nach.“

(”Die Presse”, Print-Ausgabe, 19.04.2009)
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Deutsch ist das Problem

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Die Universitäten müssen internationaler werden, finden der Präsident der TU München und seine chinesische Stellvertreterin. Im Gespräch erzählen sie, wie das gelingen kann.

DIE ZEIT: Frau Meng, Ihre Berufung zur Vizepräsidentin der Technischen Universität München hat einiges Aufsehen erregt. Fühlen Sie sich als Aushängeschild?

Liqiu Meng: Lassen Sie mich einen Begriff aus der Geodäsie gebrauchen: Ich bin eine Anomalie, ein ungewöhnliches Phänomen. Zuerst war ich zehn Jahre lang die erste chinesische Professorin an einer ingenieurwissenschaftlichen Fakultät. Und seit einem Jahr bin ich die einzige Chinesin in einer deutschen Hochschule auf Leitungsebene.

Wolfgang A. Herrmann: Frau Meng ist zuallererst einmal eine brillante Wissenschaftlerin. Das ist sehr wichtig, wenn es um die Glaubwürdigkeit der TUM in der wissenschaftlichen Community geht. Außerdem ist sie eine starke Persönlichkeit. Ihre integrative Kraft hat sie bereits auf dem Lehrstuhl für Kartographie bewiesen, ohne dass sie dort ein Leitungsamt innehatte.

ZEIT: Was sind ihre Aufgaben?

Herrmann: Frau Meng verantwortet alles, was mit der weiteren Internationalisierung unserer Universität zu tun hat. Außerdem vertritt sie mich in vielen Gremien, regelmäßig zum Beispiel in der Hochschulrektorenkonferenz.

ZEIT: Spielt Ihr Heimatland China bei der Internationalisierung der TUM eine besondere Rolle?

Meng: Sogar eine Vorreiterrolle. Bei uns sind zurzeit 824 Chinesen eingeschrieben, das ist die größte Ausländergruppe an der TUM. Auch im Vergleich mit anderen deutschen Universitäten liegen wir, was die Zahl der immatrikulierten Chinesen betrifft, in der Spitzengruppe.

Herrmann: Die TUM hat über Jahrzehnte konsequent Promotionsstudenten aus China nach München geholt, etwa über die Humboldt-Stiftung. Die sind dann wieder nach Hause gegangen, sind dort Professoren geworden und schicken jetzt ihre Schüler zu uns. Wir wollen die besten Köpfe aus aller Welt und können es uns nicht leisten, das intellektuelle Potenzial von 1,3 Milliarden Menschen in China zu vernachlässigen.

ZEIT: Ist Internationalisierung nicht in erster Linie eine Prestigefrage?

Herrmann: Sie ist eine zwingende Notwendigkeit. In etwa zehn Jahren werden wir, wie jeder weiß, vor einem demografischen Knick stehen. Dann werden wir unsere Studienplätze verstärkt mit den besten Ausländern besetzen. Unter ihnen werden viele Chinesen sein.

ZEIT: Können denn chinesische Eltern ihren Kindern überhaupt ein Studium in Deutschland finanzieren?

Meng: Die Studiengebühren von zurzeit 500 Euro pro Semester sind für wohlhabende chinesische Familien – und von denen gibt es immer mehr – überhaupt kein Problem.

Herrmann: Auch wenn ich mich damit nicht beliebt mache: Wir werden mittelfristig unsere Studienplätze nicht mehr verschenken können. Mehr englischsprachige Angebote mit höherer Betreuungsdichte und andere universitäre Dienstleistungen wie das Welcome Center oder unser Verbindungsbüro in Peking gibt es nicht zum Nulltarif.

ZEIT: Die Studierendenzahlen gehen zurück, und Sie denken an höhere Gebühren.

Herrmann: Warum gehen die besten Leute nach Stanford, ans MIT, nach Australien? Weil es dort für gutes Geld eine hervorragende Ausbildung gibt. An der TUM steigen die Erstsemesterzahlen rapide an, seit wir Gebühren verlangen und einen Teil unserer Studierenden selbst auswählen. Noch mal: Qualität gibt es nicht umsonst. Und immer mehr junge Leute wissen das. Allerdings gebe ich zu, dass wir aus der Universität heraus ein leistungsfähiges und identitätsstiftendes Stipendiensystem brauchen.

ZEIT: Gibt es an der TUM Probleme bei der Integration der ausländischen Studenten in den Studienalltag?

Meng: Ja, es gibt Abschottungstendenzen, »nationale Inseln« etwa in der Mensa oder im Hörsaal. Wir wollen an das Problem stufenweise herangehen. Zunächst sollen unsere nichtdeutschen Studierenden nach dem Motto »Ausländer helfen Ausländern« untereinander besser klarkommen; sie haben ja ähnliche Probleme. In einem weiteren Schritt sollen Ausländer auch in Gremien wie den Fachschaften besser sichtbar werden, wo bislang fast nur Deutsche sitzen. Es wird aber noch dauern, bis sich die Multinationalität in echte Internationalität verwandelt hat.

ZEIT: Was ist denn die größte Hürde, die chinesische Studierende in Deutschland zu meistern haben?

Meng: Eindeutig die Sprache. Ich habe immer wieder erlebt, dass meine Landsleute bei ihren Betreuern als eher durchschnittlich oder unauffällig gelten, aber in Kanada oder Australien Riesenerfolg hatten. Englisch fällt den meisten Chinesen doch leichter als Deutsch. Außerdem sind Einwanderungsländer wie die USA, Kanada oder Australien integrativer.

Herrmann: Dass in den meisten Studiengängen noch Deutsch die Unterrichtssprache ist, halte ich für das Schlüsselproblem bei der Internationalisierung. Das muss auf längere Sicht nicht so bleiben. Es wird wohl darauf hinauslaufen, dass auch deutsche Studierende zunächst mit Englisch anfangen. Das Examen sollte dann aber wieder auf Deutsch sein. Die deutsche Sprache ist Teil unserer Wissenschaftskultur. Aber die Hürden für Ausländer müssen niedriger werden.

ZEIT: Wird die Bologna-Reform zu mehr Internationalität führen?

Meng: In China, wo es das zweistufige angelsächsische System von Bachelor und Master schon lange gibt, ist die Reform sehr begrüßt worden. Chinesische Bachelorabsolventen haben jetzt viel bessere Schnittstellen, um in Deutschland studieren zu können, ohne die umständlichen Anerkennungsverfahren. Auch das Interesse deutscher Studierender an einem Studium oder Praktikum in China steigt, obwohl es noch viele Vorurteile über das Leben dort gibt

ZEIT: Wie viele Professoren aus dem nichteuropäischen Ausland arbeiten eigentlich an der TUM?

Herrmann: Vielleicht zehn von 420. Wir haben gerade einen Inder auf einen Lehrstuhl für Elektrotechnik berufen und sind auch an einem Chinesen dran. Da gibt es Nachholbedarf – während uns der brain gain deutschstämmiger Wissenschaftler aus Europa und den USA mittlerweile gut gelingt.

Meng: Es ist schon ein Erfolg, wenn wir es schaffen, Deutsche, die ins Ausland abgewandert sind, zurückzuholen.

ZEIT: Ist es für chinesische Topleute schwer, in Deutschland eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen?

Meng: Zumindest hier in Bayern läuft das ziemlich reibungslos. Kein Vergleich zu der Zeit vor zehn Jahren. Ich bin nach meiner Promotion an der Universität in Hannover nach Schweden ausgewandert, weil ich es einfach leid war, alle drei Monate das Visum verlängern zu lassen.

Herrmann: Bayern ist eben ein weltoffenes Land. (lacht) In China finden Sie übrigens flächendeckend Brauingenieure, die an der TUM in Weihenstephan ausgebildet wurden. Die ganze chinesische Bierbranche spricht Bayerisch. Zum Teil produzieren die chinesischen Brauereien sogar nach dem bayerischen Reinheitsgebot – ein kulturelles Markenzeichen, wenngleich nicht unser wichtigstes.

Liqiu Meng, 45, hat in Hannover promoviert. Ihre Stockholmer Habilitation führte zur Berufung auf den Lehrstuhl für Kartographie an der Technischen Universität München (TUM). Seit April 2008 ist Meng Vizepräsidentin der TUM.

Wolfgang A. Herrmann, 61, ist seit 1995 Präsident der TUM. Unter der Leitung des international renommierten Chemikers wandelt sie sich von einer kameralistisch geführten Hochschule in ein WIssenschaftsunternehmen.

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Deutschland: „Um die besten Köpfe werben“

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Die Technische Universität München stellt Initiativen für eine Eliteförderung vor. Die besondere Förderung muss schon in den ersten Semestern beginnen.

MÜNCHEN. Eliteprogramm in Deutschland: Victor Fischer und Alexander Wille studieren Maschinenbau an der Technischen Universität München. Beide sind Stipendiaten von Stiftungen für Hochbegabte, und sie sind zugleich zwei von derzeit 220 Teilnehmern an dem TU-Mentorenprogramm „Erfahrene Wege in die Forschung“, das jetzt seine vierjährige Pilotphase abgeschlossen hat. In diesem Programm betreuen erfahrene Professoren – fast alle sind schon emeritiert – hochbegabte Studenten und Studentinnen ihrer Fakultät. Die TU München, eine der ersten deutschen Hochschulen mit der Auszeichnung „Eliteuniversität“, will mit diesem und mit einigen anderen Förderprogrammen gezielt „um die besten Köpfe werben“, so der für diese Programme zuständige TU-Vizepräsident Professor Peter Gritzmann.

Alumni als Mentoren

So gibt es etwa das Programm „TUM“, ein Kontakt-Netzwerk, in dem junge Alumni (Absolventen der TU) ausgewählte Studierende betreuen und auf den Berufseinstieg vorbereiten. Mentor und geförderter Student bilden ein Tandem. An der Carl von Linde-Akademie der TU werden Studierenden in Veranstaltungen über das Fachwissen hinaus Schlüsselkompetenzen vermittelt. Mit dem Programm IKOM wird den Studierenden ein Karriereforum für Kontakte mit Industrie und Wirtschaft angeboten.

Fast alle Teilnehmer an dem Programm „Erfahrene Wege in die Forschung“ sind Stipendiaten verschiedener Stiftungen für Hochbegabte und von ihren Stiftungen für das Programm vorgeschlagen worden. Ein anderer Weg in dieses Programm führt über die Hochschullehrer, die hochbegabte Studierende ihrer Fakultät dafür vorschlagen können. Besonderen Wert legt die TU München darauf, dass die Eliteförderung schon in den ersten Studiensemestern beginnt.

Die Studierenden und ihre Mentoren treffen sich mehrmals im Semester in kleinen Gruppen auf Fakultätsebene. Besprochen werden unter anderem allgemeine und fachliche Fragen. Es gibt Referate über Diplom- und Doktorarbeiten, auch Privates kommt zur Sprache. Ausdrücklich nicht gewünscht ist die fachliche Betreuung wissenschaftlicher Arbeiten. Zwei Mal im Semester werden in den einzelnen Fakultäten sogenannte persönlichkeitsbildende Seminare mit Vorträgen herausragender Persönlichkeiten angeboten, mit Informationsbesuchen und Gesprächen bei Firmen sowie Institutionen und auch ungewöhnlichen Einblicken. So hat sich eine Gruppe beispielsweise in einem Theater damit beschäftigt, wie ein Theaterstück entsteht.

Die Mentoren unterstützen die Studierenden auch bei der Suche nach und Bewerbung für Studien- und Forschungsaufenthalte sowie Praktika im In- und Ausland. 25 emeritierte Professoren, darunter viele international renommierte, und drei noch voll aktive haben sich ehrenamtlich als Mentoren in den Dienst dieses Programms gestellt. Erfasst werden dadurch 220 solcherart geförderte Hochbegabte, das ist ein Prozent der 22.000 Studierenden der TU München.

Das Programm „Erfahrene Wege in die Forschung“ ist 2005 auf Initiative des Medizinprofessors Paul Gerhardt in Leben gerufen und als Pilotprojekt von der Robert-Bosch-Stiftung mitfinanziert worden. Diese Finanzierung läuft jetzt aus. Eine Fortsetzung ist aber – auch wenn noch nicht alle Details der Weiterfinanzierung geklärt sind – schon sicher.

Die andere Seite: Triste Situation

Die bei einer international besetzten Tagung präsentierten Modelle der TU München wurden deshalb hervorgehoben, weil die Situation an den deutschen Universitäten oft völlig anders aussieht. „Deutschlands Professoren müssen zu viel lehren“, titelte vor kurzem die unabhängige „Deutsche Universitätszeitung – DUZ“. Daher sei die Bundesrepublik bei Top-Forschern international nicht wettbewerbsfähig.

In einem Interview warnt Thomas May, Generalsekretär des deutschen Wissenschaftsrates (Beratungsgremium der Bundesregierung), dass Professoren an den deutschen Universitäten nicht mehr zum Forschen kommen. Sie sind derzeit in der Regel mit acht Semesterwochenstunden belastet. „Mit dem bestehenden Lehrdeputat ist Deutschland international nicht wettbewerbsfähig“, so May.

Gefordert wird jetzt die Senkung auf nur noch fünf Semesterwochenstunden. Noch schlechter sind die Professoren an den Fachhochschulen dran, die im Durchschnitt 18 Semesterwochenstunden im Hörsaal stehen.

Der Wissenschaftsrat spricht sich deshalb für eine „Personalkategorie unterhalb der Professorenebene“ aus. Die Bedeutung der Lehre und der Status derjenigen, die diese an einer Hochschule leisten, müsse entscheidend verbessert werden. Und es müsse auch ein Budget dafür geben.

(”Die Presse”, Print-Ausgabe, 18.05.2009)

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Maria Gugging: Der Sprung zur Spitzenforschung

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Das Vorzeigeinstitut bereitet sich auf seine Eröffnung vor, das Areal des ehemaligen Nervenklinikums ist kaum wieder zu erkennen. 2010 wird ein neues Laborgebäude am Rande des Campus-Teichs fertig gestellt, in sieben Jahren sollen 500 Wissenschaftler beschäftigt sein.

KLOSTERNEUBURG. Thomas Henzinger wirkt irgendwie verlegen. Bei einem Rundgang vor Fotografen und TV-Kameras vermeidet der erste Präsident des Exzellenzinstituts I.S.T. Austria (Institute of Science and Technology) plakative Aussagen. Und noch sind etwa 100 Arbeiter tätig, um die Arbeiten auf dem Campus in Klosterneuburg-Maria Gugging für die feierliche Eröffnung am 2. Juni abzuschließen. Im September wird Henzinger mit seiner ersten Forschergruppe einziehen, bis Ende des Jahres sollen drei weitere ihre Arbeit aufnehmen.

Das Areal des ehemaligen Nervenklinikums ist kaum wieder zu erkennen. Die frühere Hauptstraße wurde verschwenkt, an das alte Hauptgebäude schmiegt sich die neue Lecture Hall. 17 alte Gebäude wurden abgerissen, weitere 15 erstrahlen in neuem Glanz. Und Henzinger verweist auf die nächsten Schritte: 2010 wird ein neues Laborgebäude am Rande des Campus-Teichs fertig gestellt, im Jahresabstand folgen zwei weitere. Hand in Hand geht der wissenschaftliche Aufbau: Vorerst in den Sparten Evaluationsbiologie, Computerwissenschaften und Zellbiologie, im nächsten Jahr Materialwissenschaften, Angewandte Mathematik und voraussichtlich Hirnforschung. Die weiteren Bereiche hängen von den Berufungen ab.

Zu Kooperationen verpflichtet

Die neuen Forscher hofft Henzinger durch ein in Österreich einmaliges Karrieremodell zu rekrutieren: Erstens wird es die auf fünf Jahre bestellten Assistant-Professoren geben, die sich anschließend einer Tenure-Evaluation stellen und dann unbefristet bleiben können. Aber unbefristete Professorenanstellungen von Beginn an sind ebenso möglich. Zweitens durch das Engagement von Doktoratsstudenten, die in vier Jahren das Doktorat erwerben und sich dann in einem anderen Institut bewerben sollen. Und drittens durch die Anstellung von Post-Docs (jungen graduierten Forschern) auf die Dauer von vier bis fünf Jahren.

I.S.T.A. ist zu Kooperationen verpflichtet. Denn ein Drittel des Bundesbudgets, das sind bis 2016 100 Millionen Euro, wird nur dann ausbezahlt, wenn ein gleich hoher Betrag aus Drittmitteln eingebracht wird.

Der neue I.S.T.A.-Chef ist auf die Dauer von vier Jahren bestellt, seine Sicht reicht aber bis zum Ende der ersten Ausbaustufe im Jahr 2016: Da soll es 40 bis 50 Forschergruppen geben, eine Gruppe mit etwa zehn Mitarbeitern. Und international will man präsent sein: Durch Einladungen an renommierte Gäste zu Vorträgen und Seminaren und durch eigene Aktivitäten. „Man wird bewertet durch den Ruf in der internationalen Scientific Community“, sagt Henzinger.

Als negative Begleiterscheinung empfindet Heinzinger, dass bei allen Schwierigkeiten mit der Forschung und der Forschungsförderung stets gleich sein Institut ins Spiel gebracht werde. So habe man auch den CERN-Ausstieg mit I.S.T.A. in Verbindung gebracht. Zu diesem Ausstieg könne er nichts sagen, er sei aber „wenig hilfreich für den Ruf Österreichs als Wissenschaftsstandort“.

Einer der I.S.T.A.-Väter, der ehemalige Präsident des israelischen Weizmann-Instituts Haim Harari, sieht eben dieses Institut als Vorbild für das Vorhaben in Klosterneuburg. Und Thomas Henzinger? „Am ehesten die beiden ETH-Universitäten in der Schweiz. Das sind wissenschaftliche Spitzeneinrichtungen, die im Volk bekannt sind und auch geschätzt werden.“ Leitartikel S. 27

(”Die Presse”, Print-Ausgabe, 18.05.2009)

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Habe kein Problem mit wissenschaftlicher Elite

Aus meinem NEWS Archiv:

Thomas Henzinger: Der große Vorteil von I.S.T.A. ist der Beginn bei null.

Die Presse: I.S.T. Austria wehrt sich gegen die oft verwendete Bezeichnung als „Elite-Uni“.

Thomas Henzinger: Ich habe kein Problem mit dem Wort Elite, wenn damit Spitzenforschung gemeint ist. Diese Erwartungen sind richtig und sollen so sein, sonst hat I.S.T. Austria keine Existenzberechtigung. Womit ich nicht glücklich bin, ist, dass Elite sehr oft als soziale Elite interpretiert wird. Und eine Universität sind wir auch nicht.

Sind Sie mit Erfolgsdruck konfrontiert?
Henzinger: Erfolgsdruck ist natürlich da, dem muss man sich stellen.

Wie werden Sie Spitzenforscher rekrutieren?
Henzinger: Unser Hauptargument ist, dass man bei null anfängt. Es gibt hier keine Regeln und Beschränkungen; das ist eine einmalige Chance und immer eine Herausforderung. Und wichtig sind auch die ersten Berufungen.

I.S.T. Austria will die besten Spitzenforscher haben. Zahlt man auch Spitzengehälter?
Henzinger: I.S.T. zahlt Gehälter, die im internationalen, vor allem im kontinentaleuropäischen Raum durchaus üblich sind. Sonst können wir nicht unser Ziel erreichen.

Sind die Rahmenbedingungen hier in Klosterneuburg-Maria Gugging ideal?
Henzinger: Sie sind ideal; das hat mich auch überzeugt, nach Österreich zu kommen. Ideal ist, dass wir die Berufungen nach unseren eigenen Regeln vornehmen können, dass wir auch eigene Regeln haben, wie wir kommerziell verwertbare Erfindungen behandeln, wobei alle Rechte beim Institut liegen und ein Professor einen bestimmten Anteil erhält. Ideal wird auch die Ethik, das Zusammenwirken der Wissenschaftler, sein.

(”Die Presse”, Print-Ausgabe, 18.05.2009)

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Geldnot an den Unis der Eliten

Aus meinem NEWS Archiv:

Das Vermögen amerikanischer Topuniversitäten wie Harvard oder Yale schrumpft rapide. Börsenverluste und entfallende Spenden machen ihnen zu schaffen. Nun begeben sie milliardenschwere Anleihen, um den Bedarf zu decken.

Über Jahre hinweg galt die US-Eliteuniversität Yale als Musterbeispiel für erfolgreiche Geldvermehrung. Durch eigens entwickelte Investmentstrategien wurde im Zeitraum von 1993 bis 2008 eine jährliche Rendite von 15 Prozent erzielt. Das zum größten Teil in Stiftungen angelegte Vermögen der Universität wuchs in dieser Zeit mit Faktor sieben auf 23 Mrd. Dollar (16,5 Mrd. Euro).

Damit ist die Ausbildungsstätte des früheren US-Präsidenten George W. Bush die zweitreichste Universität der Welt. Auch Harvard, die reichste, erzielte jahrzehntelang ähnliche Renditen. Mitte des Vorjahres betrug das Vermögen 30 Mrd. Dollar. Doch seit einem Jahr geht es für die Eliteuniversitäten finanziell steil bergab. Die Kapitalausstattung der Stiftungen ist stark geschrumpft, auf 24 Mrd. Dollar bei Harvard und 16 Mrd. bei Yale. Der Hauptgrund sind Kursverluste an den Börsen. „Wir haben das Ausmaß der Wirtschaftskrise, genauso wie viele andere, schlicht und einfach unterschätzt“, gestand Yale-Präsident Richard Levin kürzlich in einem Interview ein.

Halbes Budget gefährdet. Tatsächlich leiden die Topuniversitäten in den Vereinigten Staaten überdurchschnittlich an der aktuellen Krise. Da sie im Gegensatz zu anderen Ausbildungsstätten viele Stipendien vergeben, finanzieren die Studiengebühren nur zwischen zehn und 15 Prozent des jährlichen Budgets. Knapp die Hälfte der Ausgaben werden aus den Erträgen der Stiftungen bezahlt. Bei weniger bekannten – und weniger wohlhabenden – Universitäten ist dieses Verhältnis umgekehrt.

Doch nicht nur die Kursverluste an den Finanzplätzen machen den amerikanischen Spitzen-Unis zu schaffen. Auch die Spenden bleiben während einer Rezession aus. Und hier gilt ebenso: Anders als weniger bekannte Ausbildungsstätten hängen Yale, Princeton und Co. überdurchschnittlich stark von diesem Faktor ab, weil manche ehemalige Studenten ihrer Alma Mater jährlich mehrere Millionen Dollar zufließen lassen.

Die exakte Höhe der Spendeneinnahmen wird von den privaten Universitäten nicht veröffentlicht. Schätzungen gehen aber davon aus, dass zumindest ein Zehntel des Budgets durch die Großzügigkeit früherer Studenten finanziert wird. Das Budget für Yale wurde für das heurige Jahr mit knapp 2,5 Mrd. Dollar veranschlagt.

Um sich finanziell über Wasser zu halten, bedienen sich die Eliteuniversitäten nun am Kapitalmarkt. Durch die Begebung von Anleihen borgen sie Geld von den Anlegern. Das ist grundsätzlich nicht ungewöhnlich. Allerdings ist der Umfang der ausgegebenen Anleihen so hoch wie nie zuvor. Harvard hat sich vor wenigen Wochen 1,5 Mrd. Dollar auf dem Kapitalmarkt geborgt, Princeton und die kalifornische Uni Stanford jeweils eine Milliarde und Yale 800 Millionen.

Schlechte Schuldner? Der Verschuldungsgrad der US-Universitäten ist mittlerweile so groß, dass die Ratingagentur Moody’s spezifisch davor warnt. Bis zu Beginn der Finanzkrise im Vorjahr hielten die meisten US-amerikanischen Universitäten die höchste Bonitätsstufe „Triple-A“. Doch seit Jahresbeginn hat Moody’s zwanzig Institutionen herabgestuft. Die bekannteste ist Dartmouth im Bundesstaat New Hampshire. Bei 55 weiteren Universitäten – etwa Cornell in New York und Duke in North Carolina – warnt die Agentur vor einem „negativen Ausblick“.

Für Harvard und Yale hat Moody’s das „AAA“-Rating zwar bestätigt, da die Stiftungen trotz der Kursverluste noch über ausreichend Kapital verfügten. Die Agentur hat aber angekündigt, die Liquidität zumindest bis Jahresende genau im Auge zu behalten. Steigt die Verschuldung weiter an, sei eine Rückstufung der Bonität auch für die beiden reichsten Universitäten der Welt nicht ausgeschlossen.

(”Die Presse”, Print-Ausgabe, 21.06.2009)

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